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[OBF-420406-002-01]
Briefkorpus

55.

Am Ostermontag 1942.

Herzensschätzelein! Du mein allerliebster [Roland]!

Einen ganz lieben Gutenmorgenkuß zuerst! Du! Ach Liebster! Weil sich meine Gedanken bis in den Schlaf hinein mit Dir beschäftigen, deshalb kam [e]s wohl auch, daß ich so lieb von Dir träumte. Du! Gegen Morgen erst war es. Du warst bei mir, Geliebter. Ach, es sind die Seelenlandschaften, die ich im Traum schaue. Die Wunschbilder. Du! Alles ist so traut, so lieb, ach so wunderbar schön wie es nur mit Dir, Du mein Geliebter sein kann. Du!! Herzensschätzelein! Soo lieb hattest Du mich — und hatte ich Dich. Oh Du!!! Es hat mich erlöst im Traume. Mein [Roland]! Ach Du!!! Beim Erwachen bin ich doch so traurig immer, daß alle Seligkeit nur im Traume sein mußte. Ganz still liege ich dann und schaue mit weit offenen Augen in das Stückchen Himmel, das ich vom Bett aus erhaschen kann mit meinem Blick. Ganz still liege ich, denke an Dich, mein [Roland], mit gefalteten Händen. Und fühle, wie sich der Sturm im Herzen beruhigt, wie sich alles glättet in meiner Seele. Ich erkenne die Wirklichkeit, fühle das Unabänderliche und ganz still werde ich nach und nach. Oh mein Geliebter! Ein heißes Gebet ringt sich dann aus meinem Innern: daß Gott uns möchte gnädig sein, daß er unser Sehnen, das unbändige, erkennen möc[ht]e und uns bald Erlösung schenke von aller Herzensnot! Mein Geliebter! So eigennützig ist unser Lieben! Sooo urgewaltig, urmächtig; es bezieht alles ein in die heißen Flammen dieses Feuers, das uns im Herzen brennt. Ich muß Dich unermeßlich lieben, sooo lieben, Du!

Oh bleibe mein! Geliebter!!! Halte mich ganz fest mit Deiner Liebe! Ich spüre sie doch über alle Ferne so gewaltig! Und so gut und köstlich! Mein [Roland!]

Ein sonderbares Bild entgeht mir nicht aus dem Gedächtnis, das mein Traum mir zeigte. 

Wir saßen uns am Tisch gegenüber, vor uns die Landkarte gebreitet. Mein Finger wies auf eine Insel im Meer und fragend sah ich Dich an und ich fühl noch, wie es mir bang ums Herz war dabei, soo bang. Da sah’st Du mir in die Augen und nicktest ganz ernst mit dem Kopfe. Und ich mußte auf einmal so weinen und Du zogst mich an Dich und streicheltest meinen Kopf — [da]nn ward ich wach. Es war noch dämmrig im Zimmer. Oh Du! Wie die Phantasie doch Traumgebilde entstehen läßt! Ich grübelte gestern abend vorm Einschlafen noch darüber nach, wie wohl der neue Ort aussehen wird, an den Du kommen wirst. Geliebter! Ich lasse mich nicht schrecken! Auch durch einen Traum nicht. Ich will Dir ganz tapfer zur Seite stehen allezeit, Dein bester Kamerad! Du!!! Mit Dir vertraue ich auf Gottes Güte und Gnade, auf seine Weisheit. Gott wird alles wohl machen. Und wenn Du mir nur gesund bleibst mein Lieb, alles andere wollen wir in inniger Liebe und Kameradschaft ertragen und überwinden. Ich will Dir soo lieb immer, immer zur Seite sein!

Oh denke immer daran, mein [Roland]!

Heute regnet es ganz sehr. Der Vater ist am Morgen gegen 10 Uhr mal nach Mittelfrohna gegangen, zu Mittag kommt er wieder heim; denn er will schlafen, weil um 6 [Uhr] abends sein Dienst wieder beginnt. Wir zwei Frauen werden zuhaus bleiben bei dem Wetter. Ich habe so viel Schreibschulden! W[ei]l zuerst kommt doch erst wieder mein Mannerli dran. Ach Du! Wenn ich doch gleich mal hinkommen könnte zu Dir!! Mein gutes, liebes Herzelein, Du! Ich wollte Dich aber lieb und innig an mich drücken.! [sic] Garnicht wieder loslassen tät ich Dich!! Und wenn es auch Deine Kameraden sähen, ich schämte mich nicht! Ach!! Ich hab' Dich zu lieb! Du!!! Ich glaube, Herzlieb? daß Du Dich auch so sehnen mußt in diesen Tagen, weil ich gar so unruhig und so voller Sehnsucht bin?

In 6 Tagen werde ich Deine Osterboten haben, dann weiß ich genau, was mein Herzelein trieb. Ach Du! Ich warte ja schon soo darauf! Und nun rückt der 20. April immer näher, was wird er Dir und mir bringen?

Es bewegt mich doch alles so sehr wie Dich und ich werde nicht eher ruhig sein, als bis ich nun weiß, was mit Dir geschieht. Du mein allerliebstes Herzelein!

Nun will ich aber mal nachschaun, was Du mir in [Dei]nen Boten erzählst, die gestern zu mir kamen. Mittwoch, 25. III. Gleich zu Anfang klagst Du doch auch über so viel Schreibschulden! Du Ärmster! Ich kann mir doch noch eher mal Luft schaffen, weil ich mich gleich mal früh eine Stunde hinsetzen kann. Da hast Du aber Dienst. Na, meist nehme ich mir die Zeit auch nicht, beeile mich lieber früh, daß ich nach Mittag ganz schnell zu Dir kommen kann! Ach ja!! Zu Dir! Zu Dir! Immer nur zu Dir! Das ist all mein Denken, Tun und Trachten! Die andern müssen gleich 1/4 Jahr warten. Ach Du! Wer das nicht verstehen kann, dem kann ich nicht helfen. Ich halte es so und kann nicht anders. Ach ja, Du hast recht: Wenn unsre Hände ruhen, wenn wir Feiertag haben, freie Zeit, dann wird uns doch die Einsamkeit so recht bewußt, das Getrenntsein — dann steht die Sehnsucht auf, die wir sonst niederhalten mit unsrer Geschäftigkeit. Oh Du!! Du!!! Auch Du verstehst das alles. Gebe Gott, daß alles bald wieder in das re[ch]te Geleise kommt! Daß auch die sehnenden Seelen wieder einmal ganz zur Ruhe kommen!

Vor einem Jahre stecktest Du schon in Bulgarien. Und nun ist wieder Frühling — die Tage des steigenden Lichtes, wachsender Hoffnung. Nur diesmal ernster, auf dunklerem Grunde als vor einem Jahre. Erbitterte Kämpfe stehen bevor, stellen sich vor den Sieg im Osten. Möchten sie doch den Schein des Friedens bringen!

Du hast recht Herzelein: Ein Weltenbrand, ein Gottesgericht, eine Katastrophe ist dieser Krieg und wir stehen darunter nicht anders als die Bäume im Gewittersturm, schicksalsgebunden, kein Entrinnen — ausharren, sich selber treu bleiben, kämpfen — und Gott vertrauen — mehr können wir nicht tun.

Oh Geliebter! Woher kämen uns Mut, Kraft und Standhaftigkeit in dieser Zeit, wenn wir einander nicht zur [Sei]te wären?! Oh Du! Einen Sinn hat unser Leben nun! Ein Ziel! Um das es sich lohnt zu kämpfen!! Ich liebe Dich und darum liebe ich dieses Leben, darum will ich Dir bleiben, unser Leben zu erfüllen. Aus diesem Willen kommt viel Kraft der Überwindung. O bleibe Gott uns gnädig mit seinem Willen. Ihm wollen wir unser Leben, unsre Liebe weihen, in ihm es vollenden! Nimmer wollen wir der großen Gnade vergessen, die Gott uns schenkt!

Und wieder muß ich es sagen: Laß uns ganz tapfer und gefaßt der Zukunft entgegensehen, Du! Komme, was auch will: Wir gehören zusammen für dieses Leben. Mein Geliebter, Du!

Und nun Dein Freitagbrief. Herzelein! Denkst darin heim zu uns und ratest, wo Du mich wohl wirst finden an den Feiertagen. Du Lieber! Bei Dir!! Bei Dir allein mag ich doch am liebsten sein, wie Du bei mir so gern sein magst, oh Du!!! „Ich denke, ich werde rechtzeitig von Euren Plänen [hö]ren damit ich Dich, Geliebte, auch am rechten Orte suche zu den Feiertagen. Meine Gedanken werden mich entführen zur Heimat, zu ihrem Frühling und zu Dir, meines Herzens Sonnenschein.“

Oh mein lieber [Roland]! Das sind Deine Worte! So beglückt nehme ich sie auf! Du!!! Du!!!!! — Einmal hast Du den Frühling belauscht mitten in der Nacht — in Großpostwitz. Du! Es muß ein wundersames, schönes Erlebnis gewesen sein. Ach, der deutsche Frühling! Nirgends in der [We]lt kann er wohl so herrlich sein, so zart und auch so gewaltig in seinem drängenden Blühen als zuhause. In Griechenland erlebst Du ihn ganz anders. 

Ach Herzelein! Wann wird es sein, daß wir ihn einmal von Anbeginn bis zu Ende erleben dürfen, ohne Abschied nehmen zu müssen? Dein Leben lang hast Du nun schon Abschied nehmen müssen. Meist war es auch immer um die Frühlingszeit, zu Ostern. Und ich denke an das Jahr 1938, da Du von Oberfrohna Abschied nehmen mußtest. Ach Du! Ein geheimnisvolles Weben verband schon einst unsre Seelen, ohne daß wir geahnt hätten, wie ganz fest das Schicksal schon seine Fäden um uns verschlungen hatte. Zur gleichen Stunde, am selben Tage trieb es uns beide einsam hinaus, das Herz voll Abschiedsweh Du, ich voller Unruhe und Sehnen. Geliebter! In der Einsamkeit fanden unsre Seelen den Weg zueinander, wir waren beide gleich in unseren Empfindungen gestimmt. Und es mußte etwas geschehen, das den letzten Anstoß gab zur Erlösung unseres Sehnens. Oh Du! So schmerzlich die Tage sich in meiner Erinnerung eingruben, so voll Seligkeit sind sie mir nun, so köstlich und wertvoll. Die Tage bis dahin, wo ich endlich den Mut fand, Dich zu rufen.

O mein [Roland]! Es ist mir so schwer geworden und doch trieb mich mein Inneres mit einer unausweichlichen Forderung hin zu dem Entschluß. Ach, hast es doch einmal erlebt, wenn das Sehnen, der brennende Wunsch, das Verlangen nach Erf[üll]ung so übermächtig werden im Innern? Wenn das unaussprechliche Gefühl seine Schwingen immer weiter ausbreitet und schier das Herz zersprengen will? Geliebter! Was frage ich nun! Du!! Uns beiden Sehnenden ist reichste Erfüllung geworden! Alles ist gut! Wir sind soo glücklich[.]

Am 4. Mai schrieb ich Dir den ersten Brief. Du! Und es ergeht mir wie Dir, Herzelein, wenn ich daran denke hebt es in mir zu kling[en] an: „im Mai, im schönen Maien hab i viel no im Sinn“ das alte liebe Volkslied, in seiner Innigkeit, ich liebte es schon immer. Du! Jedes liebende Paar hat seine Geschichte. Aber so schicksalhaft, so selten zart und innig wie die Geschichte unsrer Liebe entstand, so werden wir sie ganz selten wieder hören. Und die unsere hört kein Mensch außer uns beiden! Die bleibt ganz unser Eigen! Du!! Tief hinein ins Wunde Herz fiel das Samenkorn unsrer Liebe! Und nun ist sie erblüht!

Tiefe, reine Herzensliebe! Oh Geliebter! Mein!!! Wie tief habe ich Dich in mein Herz geschlossen! Dich lasse ich nie, nie, nimmermehr! Mein Glück! Mein Leben! Mein Sonnenschein! Du bist mein Ein und Alles! Mein Leben! Bist Erfüllung aller Sehnsucht! Heimat meines Herzens! Bist mein Herzensschatz! Und so wie Du mich so ganz ausfüllen kannst, Du! Und so ganz erfüllst, so wünsche ich mir, daß Dich meine Liebe ganz erfülle und beglücke! Geliebter!! Ach Du!! Mein Wunsch ist doch schon Erfüllung glückliche Erfüllung! Du liebst mich! Ich bin Dein Glück! Deine Sonne! Oh Du! Mein [Roland]! Wie bin ich doch sooo glücklich, daß ich Dir alles sein kann! Mein Leben lang möchte ich Dir allzeit die Allerliebste sein! Mein [Roland]! Ob ich das wohl kann? Ob ich soviel Liebe habe? Für Dich! O ja, ja! Geliebter!

Herzelein! Dein Dienstagbrief ist schon bei mir — der vom Montag fehlt noch. Und darinnen setzt Du Dich mit dem Stadelmann auseinander. Ich kann Dich recht verstehen und kann Dir nur beipflichten, daß sich die Fragen, die die Menschheit schon immer beschäftigte [sic] und beschäftigen wird, unmöglich in einem Bändchen wie eben das kleine, umreißen, weder [sic] beantworten lassen. Ich habe jetzt nich [sic] Lust, auf alles nochmal einzugehen. Es ist ein ungründliches Buch und verworren dazu. Auch ich merkte das, trotz meiner geringen Kenntnis. Und ich freute mich sehr, daß Du Dich bemüht hast, mir die Unzulänglichkeit dieses Büchleins aufzuzeigen. Ich sah diesen Band bei meinem Buchhändler liegen, blätterte darinnen und interessierte mich dafür, wie dieser Dr. Stadelmann dieses Problem würde behandeln. In unserem Interesse kaufte ich auch die dazugehörenden Bände. Man kann doch auch von den Menschen lernen zu seinem Nutzen, die nicht ganz recht haben, nichtwahr?

Es scheint mir wissenswert, wie er sich zu diesen Fra[ge]n stellt, denn Stadelmann ist, soviel ich weiß, auch ein Träger unsrer Zeit! Ich will Dir in Kürze die anderen Bände senden. Magst sie auch durchlesen, wenn’s Dich interessiert.

Herzelein! Wo Liebe regieret, wo Liebe lebt, da ist auch das Glück und die Zufriedenheit. Ich mag die Menschenherzen und -seelen nicht in Atome zerlegt haben von Neunmalklugen! Du! Und ein Leben in Achtung und Demut vor Gott ist in meinen Augen das einzig lebenswerte, erfüllte.

Oh Geliebter! Ich liebe Dich ganz unendlich! Du! Segne Gott Dich und unsere Liebe! Ich bleibe Dein!

In Ewigkeit Deine [Hilde], ganz Dein!

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Autor Hilde Nordhoff
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Über den Autor

Hilde Nordhoff

Foto von Hilde Nordhoff. Nahaufnahme, Person im Sommerkleid, im Hintergrund Bäume.
Ba-OBF K01.Ff2_.A12. Hilde Nordhoff, 1940, Oberfrohna, Fotograf unbekannt, Ausschnitt aus Fotoalbum.

Hilde Nordhoff wurde 1920 als Hilde Laube in eine Arbeiterfamilie in Oberfrohna, eine Kleinstadt in Sachsen, hineingeboren. Sie arbeitete ein Jahr lang als Hausangestellte, dann in einem Trikotagenwerk.

Sie kannte Roland Nordhoff aus der Kantorei in Oberfrohna und trat sogar der evangelischen

Über die Korrespondenz

Oberfrohna

Fotografie des Brautpaars Nordhoff am Tag ihrer Hochzeit vor dem Portal der Kirche.

Das Konvolut aus Oberfrohna befindet sich gut erhalten in privaten Händen in Deutschland. Es umfasst 24 Aktenordner mit ca. 2600 Briefen, die zwischen 1 und 20 Seiten lang sind. Der Briefwechsel beginnt im Mai 1938 und dauert, mit einigen kurzen (Urlaubs bedingten) Unterbrechungen, bis Februar 1946