Dienstag, den 7. April 1942
Herzelein! Holde, Geliebte mein! Meine liebe [Hilde]!
Nun haben wir die Wendemarke des lieben Osterfestes wieder hinter uns. Eine Reihe von Tagen liegt wieder offen vor uns bis zum Pfingstfest. Das Pfingstfest gleichsam die letzte Insel vor dem offenen Meere der festlosen Zeit. Die Geschichte dieses Krieges wird für genügend Bewegung sorgen auch in dieser Zeit. Wenn wir das Fest auch hier in der Ferne begehen mußten, ein gewisser feierlicher Abglanz lag doch über diesen Tagen, man empfand etwas von der Geborgenheit, von dem Frieden dieser Tage. Heute stürmt wieder viel Arbeit auf uns ein, Zu- und Abkommandierungen, Führungsbuchabschlüsse neben den sonst laufenden Arbeiten. Und das gerade in der Woche, da wir den Umzug vorhaben. Noch ist nicht gewiß, an welchem Tage er sein soll; es heißt übermorgen. Wir haben das neue Gebäude heute einmal besichtigt und waren recht geknickt und enttäuscht. Wir wohnen enger, weniger sonnig, ohne den schönen Blick über das Meer. Schade, schade! Können auch nicht mehr zu dritt eine Bude bewohnen. Ach Du! Wenn ich allein sein will mit Dir, bleibt mir noch die Schreibstube als Zuflucht.h
Oh Herzelein, Du! Ich habe doch schon ein paarmal Deine Boten von gestern alle überlesen. Du! Du!! Oh Du!!! Herzelein! Du weißt, daß ich Dich sooo lieb habe! Du weißt auch, wie ich es weiß, daß wir ganz glücklich nebeneinander leben würden. Ach Herzelein! Daß es zu solchen gedanklichen Auseinandersetzungen garnicht kommen würde, daß alles zwischen uns viel schneller und leiser beglichen und geschlichtet und geklärt ist später. Ach Du, Geliebte! Glaub es mir und bedenke es und würdige es recht: die böse Ferne macht uns die Schmerzen, und dazu die Ungeduld und die Sehnsucht.
Oh Herzelein, Geliebte! Eine Sehnsucht ist in mir, eine tiefe, dumpfe, schmerzhafte, Sehnsucht nach Deiner Nähe, nach Deinem Wesen, nach meiner Ergänzung. Ich möchte bei Dir sein!!! Und aus allen Worten, Gedanken und Tatsachen spricht mich die gleiche Sehnsucht an, Deine Sehnsucht, geliebtes Weib! Es ist mehr als ein rasches Begehren und flüchtiges Verlangen, es ist das tiefe Sehnen nach der Erfüllung unseres Glückes, ein tiefes Heimweh! Oh Du! Geliebte! Ich meine es immer so gut mit Dir. Ich möchte Dich gar ni[m]mer betrüben, nimmer Dir Kummer bereiten, möchte Dir doch dieses Heimweh verwinden helfen! Du Liebste, Beste, meine [Hilde], Du!!! Du bist mir so lieb gefolgt — hast mich so lieb verstanden. Ach Du, Herzelein, so wie es mir Deine große Liebe beweist, habe ich es doch auch nicht anders erwartet. Das sollst Du wissen: daß unsre Liebe mir eine so feste Gewißheit ist, eine Tatsache, die ich mir nicht mehr hinwegdenken kann. Geliebte! Sie hat uns beide sooo fest in ihrem Bann; sooo fest wie andre Menschen nur eine böse Leidenschaft, hat uns die gute Liebe in ihren Bann geschlagen. Oh Herzelein! Das wollen wir nie vergessen. Keines von uns könnte aus ihrem Bannkreis heraustreten, keiner ihn verlassen, weil wir einander sooo festhalten in heißer, inniger Liebe!
Oh Du! Herzelein! Ich bin so müde heute abend. Nimm vorlieb mit dem wenigen [sic]. Oh Du! Du!!! Ich möchte immer sooo gut zu Dir sein! Ich habe Dich sooooooooooooo lieb, so lieb!!! Ich fühle mich Dir sooo tief und lieb verbunden! Oh Du, geliebtes Weib, ich fühle mit Dir alle Sehnsucht, alles Heimweh, alle Ungeduld, allen Schmerz! Behüte Dich Gott!
Ich küsse Dich, Du liebes gutes Weib, mein Alles, mein Leben, Du! in tiefer, inniger Liebe und ewiger Treue
Dein [Roland].
Roland Nordhoff
Roland Nordhoff wurde 1907 in eine bürgerliche Familie in einem ländlichen Dorf im östlichen Sachsen, Kamenz, hineingeboren. Nachdem er ein Musikstudium aufgegeben hatte, arbeitete er als Dorflehrer in Oberfrohna, nahe Chemnitz. Im Frühjahr 1938 wurde er nach Lichtenhain in Sachsen versetzt
Oberfrohna
Das Konvolut aus Oberfrohna befindet sich gut erhalten in privaten Händen in Deutschland. Es umfasst 24 Aktenordner mit ca. 2600 Briefen, die zwischen 1 und 20 Seiten lang sind. Der Briefwechsel beginnt im Mai 1938 und dauert, mit einigen kurzen (Urlaubs bedingten) Unterbrechungen, bis Februar 1946
Stichworte zum Inhalt
Umzug des Büros und Quartiers; Heimweh und Sehnsucht.