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[OBF-420409-001-01]
Briefkorpus

Donnerstag, den 9. April 1942

Herzensschätzelein! Mein liebes teures Weib!

Dein lieber Bote vom Ostereiertag ist zu mir gekommen. Sei von Herzen bedankt für Dein so liebes Gedenken! Ja, ich muss es bemerken – seit langem klingt wieder auch einmal der Scherz und Frohsinn auf in unseren Boten. Er wird seltener, so wie die Schokolade hier draußen und daheim. Er klingt auch seltener auf in unserem Alltag. Zu hart und düster ist die Wirklichkeit um uns her – alle Erwartungen zu sehr angespannt. Die Menschen verlernen das Lachen. Und seltener noch als das herzliche Lachen ist wohl die Herzensfröhlichkeit. Wir haben sie, Herzelein! Ach ja, wenn wir schon für Stunden einmal vergessen könnten, so führt uns eine Zeitung, oder ein Bild die ganze schreckliche Zeit wieder vor Augen.

Desto mehr freue ich mich, daß Du Dir Freude holst aus dem unerschöpflichen Born der großen Kunst. R Michelangelos Sixtinische Kapelle ist mir bekannt. So viel ich mich besinne, hat Hellmuth sie in einem besonderen Werk. Ich will es Dir gern schenken. Denn diese Bilderwerke bringen uns mit den Meisterwerken besser in Berührung als die wirkliche Schau – zumal es sich doch um Deckengemälde handelt.

Es ist nicht gleichgültig, wer uns die erste Bekanntschaft mit solchem Kunstwerk vermittelt. Du hattest nun schon das drittemal Gelegenheit, Männer zu hören, die ein inneres Verhältnis zu den Künstlern und ihrem Werk gewonnen haben: Naumburger Stifterfiguren, Ludwig Richter, und nun Michelangelos Sixtinische Kapelle. Denn das ist das Entscheidende dabei: Daß wir angerührt werden von dem Genius, der den Künstler beseelte und beflügelte, daß das Kunstwerk uns ans Herz rührt, daß es sich uns aufschließt, daß es einen lebendigen Widerhall werkt. Ich freue mich mit Dir, daß Du das seltene Glück hattest, einen Berufenen zu hören. Diese Vorträge haben doch reichen Gewinn gebracht. Und ist es nicht so, wie mit dem Schatz des Gotteswortes? Wie wenige kümmern sich darum! Wie wenige beherzigen das Bibelwort: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!" Wie wenigen ist solche Erbauung ein Herzensbedürfnis. Ach Geliebte! Wann werde ich an Deiner Seite wieder so hören und schauen dürfen? Die große, vollkommene Freude ist doch nur noch an Deiner Seite, neben Dir, die sich so tief von Herzen freuen kann! Oh Herzelein! Ich möchte einstimmen in Deinen Jubel: Daß ich Dich fand, daß Du mein wurdest, mein Weib! mein einziges geliebtes Weib!!! 

Oh Herzelein! Du gehörst so ganz eng neben mich – Du bist mein Geschwister! Du! Du!!! Ich muss so glücklich und sehnsüchtig daran denken, daß sich unsre Herzen in inniger Liebe ganz verschränken sollen in eins – Du! in unseren Kindlein! Oh Geliebte! Geliebte!!!!! !!!!! !!! Die Liebe zu allem Großen und Schönen wollen wir in ihnen anzünden – oh Geliebte! Du!!! Vielleicht schenkte Gott einem die Gnade zu solch großen Wirken!!! Wäre es nicht unser größtes Glück? Kann man zu solchen Glücke wohl die Herzen bereiten? Oh Du! Du!!!!! An die Zeit denkst Du, die den Großen gebar? Wenn ich mich recht besinne, war es Wendezeit, die Zeit der Renaissance. Die Zeit, die von asketischer Strenge und Strenggläubigkeit sich der Welt- und Sinnenfreude zuwandte, der Lebensbejahung. Die Maler und Bildhauer wiesen die Schönheit der menschlichen Körper unverhüllt. So meines Wissens auch Michelangelo. Aber seine Kunst diente doch der Verherrlichung göttlicher Macht und Ordnung. Es ist eine bewegte Zeit gewesen, bewegt von großen Gedanken und Strömungen wie kaum eine andere wieder. Satte, geruhsame Zeit gebiert keine großen Menschen.

Bist also zu Ostern doch zu Hause geblieben. Falschmeldung demnach von zwei Seiten. Von Dora P. berichtest Du mir. Muss es nicht furchtbar sein, in so jungen Jahren eine schleichende Krankheit, eine lähmende Schwäche in seinem Körper zu wissen – einer Familie anzugehören, über der solche Krankheit wie ein böser Fluch schwebt? Vielleicht wäre es ihr gut gewesen, wenn sie geheiratet hätte. Es ist recht lieb von Dir, wenn Du ein wenig teilnimmst an ihrem Geschick – ich glaube, sie ist es wert.

Ja Herzelein! Und nun bin ich Dir auch ein wenig Scherz und Lustigkeit schuldig – gelt? Wirst denken: Heute Abend macht es sich mein Mannerli bequem, hangelt sich von Punkt zu Punkt vorwärts und fängt sich an meinen Gedanken – und jetzt wird er gleich seinen Scherz kommandieren. Du! Du!!! Bei Dir kann ich wohl schnell froh und lustig – oder gar ausgelassen werden! Zum Lustigsein gehören doch wenigstens zwei – gelt? Und wenn nun mein Schätzelein ausholt, wenn es das Mannerli bei den Ohren faßt und aus lauter Liebe zusammenschüttelt und es einen lieben, süßen Fratz nennt – ob dann das Mannerli wohl ganz still hält – – oh Du! Du!!! Ich glaube nicht. Nein, nein – noch auf die Ferne hat das süße Rachegedanken ausgelöst – und die sind nicht ganz harmlos, wenn sie einem im Badewannel einkommen – ja, ja, das Mannerli hat heute in der Wanne gesteckt – da ist das Stöcklein gar nicht so weit, Du!!! Ja, ja, Angst vorm Stöcklein! Aber Besserung? Nicht die Spur! Nein, nein! Das Mannerli hat aus der Perspektive seiner Wanne seinem pinselnden Weiberl zugeschaut, hat an der Leiter gewackelt, daß dem Malermeister die Balance ausging, hat ihm den Pinsel weggenommen und ihm ein paar feine weiße Bäckchen gemalt und hat ihm dann Kussel  gegeben, lauter Kußkussel – das Mannerli muß doch nicht immer warten, bis es ein Kussel kriegt, hast Dein Mannerli so brav und friedlich in Erinnerung? – na, und dann – mußt ich doch den Schaden auch wieder heilen – hab ich mein Rußbuttenmad [sic] gleich ins Wannel gesteckt und gebadet – aber nicht bloß das, was schwarz dran war – ätsch! ätsch!!! – und für das feine Bad hab ich doch dann ein feines, weißes Kussel gekriegt, ja? Du!!! – Bist mir böse? Nein, mit allen kann ich’s doch verderben, nur mit meinem lieben Weiberl möcht ich’s nicht. Weil ich Angst habe vor – – nein, Herzelein, jetzt wird mir meine Bequemlichkeit unbequem – das Mannerli kann vom Weiberl nicht einfach abschreiben – es muss an manchen Stellen eben original männlich sein. Angst vor der Originalität? Oh! Wozu hab ich denn mein Stöckchen!!! Ach Du! Liebes, süßes, herziges Weiberl, Du! mein liebes liebes Osterhäslein – ich beiß Dir gleich Dein Nasel weg – ich ruppe [sic] Dir Dein ganzes Dudellöckchenköpfen [sic] durcheinander – Du! Du!!! Du!!!!!

Ich bin Dir doch sooo gut wie Du mir gut bist! Ich habe dich sooo lieb! Sooooooooooooo lieb! Ich möchte Dir doch gleich einmal Dein Süßschnäbelein stopfen – oh Du! Du!!! Mit Dir ganz glücklich sein!!!!! !!!!! !!! Behüt Dich Gott!

Ich denke immer Dein! Denk auch Du immer mein, denk ganz froh und glücklich daran, daß ich Dein bin für dieses Leben, daß ich Dich von ganzem Herzen liebhabe – daß ich Dich sooo ganz festhalte – Du mein Alles! Mein Leben!

In ewiger Liebe und Treue

Dein [Roland]!

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Rußbuttenmad ist hier als eine Art Kosename für Hilde verwendet. Rußbutten sind historisch oft mit mit Schornsteinfegern verbunden und die Endung -mad stammt von Maid oder Mädchen/Mädel. 

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Autor Roland Nordhoff
Korrespondenz Oberfrohna
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Über den Autor

Roland Nordhoff

Foto von Roland Nordhoff. Nahaufnahme, Person sitzend in einem Fensterrahmen.
Ba-OBF K01.Ff2_.A39, Roland Nordhoff, 1940, wahrscheinlich Bülk, Fotograf unbekannt, Ausschnitt.

 

Roland Nordhoff wurde 1907 in eine bürgerliche Familie in einem ländlichen Dorf im östlichen Sachsen, Kamenz, hineingeboren. Nachdem er ein Musikstudium aufgegeben hatte, arbeitete er als Dorflehrer in Oberfrohna, nahe Chemnitz. Im Frühjahr 1938 wurde er nach Lichtenhain in Sachsen versetzt

Über die Korrespondenz

Oberfrohna

Fotografie des Brautpaars Nordhoff am Tag ihrer Hochzeit vor dem Portal der Kirche.

Das Konvolut aus Oberfrohna befindet sich gut erhalten in privaten Händen in Deutschland. Es umfasst 24 Aktenordner mit ca. 2600 Briefen, die zwischen 1 und 20 Seiten lang sind. Der Briefwechsel beginnt im Mai 1938 und dauert, mit einigen kurzen (Urlaubs bedingten) Unterbrechungen, bis Februar 1946