
58.
Donnerstag, am 9. April 1942.
Herzensschätzelein! Mein geliebter [Roland]! Du!
Morgen ist der April schon wieder zweistellig, eben merke ichs am Datum! Und es fehlen garnicht mehr viele Tage – dann bin ich 22 Jahre alt! Ob ich mich freue? Weil ich davon schreibe? Ach Du! Ja und nein! Ich will nicht jung bleiben, will wachsen und reifen. Doch ich möchte es so viel lieber an Deiner Seite, Herzelein! An meiner Alterszahl erkenne ich doch nicht allein, wie die Jahre vergehen – nein, auch wie die Jahre vergehen dieser schlimmen Kriegszeit! 3 Jahre Krieg. Und noch nicht dürfen wir diesen Geburtstag miteinander begehen. Ob es denn am 23. sein wird? Niemand kann uns Antwort geben. Wir dürfen nur fest hoffen darauf! Und das wollen wir Herzelein, gelt? Du mein liebes, herzliebes Mannerli, Du!
Weißt? Ich freu mich doch schon, daß wir vielleicht zu Deinem nächsten Geburtstage beisammen sind zum ersten Mal! Wenn Gott will, wirst Du Deinen Winterurlaub auch mal über Weihnachten nehmen, dann bist Du gewiß schon am 22. Dezember zuhaus!
Ach Du! Da rechne ich nun schon so weit hinaus – ich sollte es nicht tun. Vielleicht bist Du dann schon bei mir! Oder wenigstens mir näher! Wir wissen noch nicht, was das Schicksal mit uns vorhat. Aber an das Gute glauben wir, Du! Ja Du!!!
April. Ein närrischer Monat. Sonnenschein und Regen wechseln sich in bunter Folge ab. Bin ich wohl auch so ein kauderwelsches Stückchen? Du?!
Du mußt es doch wissen, mein Mannerli!
In diesem Monat haben wir zweimal Vollmond! Am 1. April war welcher und am 30. ist wieder welcher. Der Monat hat einen Hang nach Rundlichkeit! Aber bei mir ist das nicht der Fall, Du!! Ich b[i]n nicht dick, weder rund. Höchstens bissel schlanker geworden. Ach, das ist mir nur recht, da kann ich mich wenigstens geschwind fortbewegen!
Um Dich aber bin ich bange, mein Dickerl’e [sic]!!
Wo Du ja schon soo schlank bist, lieber Himmel! Wo willst Du denn noch abkommen? Sag? Da hab ich womöglich garnichts mehr in den Armen, wenn Du heimkommst und ich drücke Dich fest an mich? Aber – ich bin Dir auch so ganz sehr gut [sic]! Mußt nur tüchtig essen, Herzelein! Daß Du stark bleibst! Das Warten kostet nämlich auch Kraft! Und Du brau[chs]t noch mehr als ich, im fremden Lande. Du herzliebes Mannerli! Ach, ich weiß – bei uns beiden ist es nur die Sehnsucht, die an uns zehrt. Wenn wir beisammen sind, dann ist es gerade, als blühen wir richtig auf. Du! Herzelein! Ich glaube, wenn wir dann für immer umeinander sind, dann strahlen wir wie die liebe Sonne so froh und rund und glückhaft. Ach Du! Wie ich mich freue! Wie ich mich freue auf das Leben an Deiner Seite! So ganz sehr!!! Bist doch all mein Glück, mein Leben!
Schätzelein! Es ist abends um 900 [Uhr], da ich hiersitze und Dein denke. Heute ist wieder kein Brief gekommen, aber einer von Siegfried, ich will ihn Dir mal mitschicken. Ich hatte doch heute noch Kinderbesuch! Und da hatte ich den ganzen Tag meine Beschäftigung, gleich früh gings los. Die Luderchen wuschen sich nicht ordentlich. Da habe ich sie hergenommen und abgeschrubbt alle beide; dann sah man sie gerne an, so sauber waren sie. Nach dem Kaffeetrinken mußte aber nun Spielzeug her! Vom Oberboden holte ich ihnen all mein Puppenkochgeschirr. O das war das Richtige! Mit mir um die Wette kochten sie und brieten sie im Küchenofen. Den ganzen Vormittag vertrieben sie sich die Zeit. Ich machte derweil die Schlafstube reine, Papa schlief gleich in meinem Stübel heute. Nach dem Essen sind wir an die Luft gegangen, es war schön draußen.
Mutsch blieb daheim, weil Tante kommen wollte, die Kinder holen. Nach dem Stadtpark sind wir [sic: gegangen]. Die Rehe waren niedlich anzuschaun! Äffchen hielten sicher noch Winterschlaf! Und eine Sehenswürdigkeit bot sich uns: ein Fischzug im Galapagos-Teich! Das war ein kleines Schauspiel für Groß und Klein. Diese dicken Karpfen! Diese strammen Hechte! Und auch eklige Krebse waren dabei. Eine gute Beute! Was meinst du, wie die Fische um sich schlugen mit ihren Flossen. Der Schwan mit seiner Frau, – die ‚Schweinel‘, die beiden – zogen mit ihren weißen Bäuchen so durch den Schlamm! Sie wollten auch
[Hier folgt eine fast leere Seite, lediglich mit folgendem Inhalt:]

So eine Verschwendung bei dem Papiermangel!
Du!! Die ganze Seite dient als Platz für die Kussel, die ich Dir hiermit alle schicken möchte!
Deine [Hildi].
[auf der folgenden Seite geht es weiter im Text:]
aufpassen die zwei, beim Fischfang. Gegen 5 Uhr sind wir heim. Tante war da mit Klein-Bärbel. Und nach 2 Stunden begleiteten wir unsern Besuch ein Stück heim, bis zum Bauer Lö. Mit Kindern ist ein Tag ja soo schnell herum! Und zu einer besinnlichen Arbeit kommt man nur abends, wenn sie schlafen. Es sei denn, man erzieht seine eigenen besser, daß sie auch einmal selbstständig spielen, oder sich beschäftigen. Ach ja! Kinder haben ist eine große Aufgabe! Eine noch größere ist, Kinder erziehen! Mit Dir an solches Werk zu gehen, dünkt mich als unsre schönste Lebensaufgabe. Herzelein!! Du!!
Und eines habe ich auch gespürt in diesen Stunden, da die Kinder bei mir waren: wir müssen ganz dankbar sein, daß wir jetzt nicht die Sorge um ein Kindchen haben müssen. Ach Geliebter! Ich bin fest entschlossen: mutwillig mag ich mir in diesem Kriege keines wünschen. Es ist gewiß unser beider Wunsch – Du! Ach du! Wir sind uns einig. Eine richtige Not ist es, jetzt Kinderchen zu haben.
Schon mit dem bissel Esserei, die armen Dinger lernen schon auf dem ersten Schritt in die Welt Entbehrung kennen. Und das viele Drum und Dran einer Kindererziehung bereitet Sorge. Die schulpflichtigen [sic] bereiten uns auch Sorge in der Kriegszeit. Wer auf eine gute Bildung seiner Kinder sieht, muß sich heute Sorge machen; denn sie ist ganz mangelhaft. Es ist allerorts Notzeit – Krieg.
Und wohl dem, der alle Wirrnis unangefochten und unbeschädigt übersteht!
Deinen lieben Mittwochbrief habe ich neben mir liegen, Herzelein! Worin Du mir erzählst, wie Du in Deinen ersten Lehrjahren begonnen hast, die Kinder zu führen und zu leiten. Und gibst mir manch guten Wink für mein Amt als Kinderscharleiterin. Oh Du! Daß ich Dich manchmal in der Schule ablösen könnte?! Ich glaub, dazu reicht’s bei mir nun doch nicht!! Höchstens in der Turnstunde kannst auf meine Ablösung zählen! Du! Oder es sei, daß ich Dir den nationalpolitischen Unterricht abnehmen kann, auf den man uns jetzt in den Arbeitstagungen so indirekt hinweist und für den man uns zu begeistern versucht! Du!!! Das ist, als ob ich auf leerem Stroh dreschen sollte! Mich kann man damit nicht erwärmen. Du! Weißt, was ich mir ganz sehr wünsche?
Daß dann, wenn unsre Kinder zur Schule gehen, hoffentlich andre Zeiten sind!
Hast Du im „Reich“ den Artikel über die Schüler der Adolf-Hitler-Schule gelesen?
Am Sonnabend haben wir wieder um 15 Uhr eine Arbeitsbesprechung im Koppler-Bräu, von der Kinderschar aus. Und am Abend wollte ich doch mit Mutter und Ilse S. als Abschlußakt des Geburtstages Mutters zum Konzert der Bach-Gesellschaft gehen! Vater will nicht mit, er muß sammeln nachmittags und da sei er zu müde dann, meint er. Ich bedaure, daß er sich nicht für so etwas erwärmt, das ist doch nicht zu schwer für ihn. Wäre doch mal eine nette Unterhaltung auch. Aber wenn er nicht will, dann will er halt nicht. Ich will ihn mit nach Chemnitz nehmen, weil sein Hut so schlecht paßt, den ich ihm zu Weihnachten schenkte. Vielleicht besucht er auf ein Stündchen Tante Herta, daß wir miteinander wieder heimfahren können nach meinem Dienst. Ich lege Dir mal das Programm zum 3. Winterkonzert bei. Ich habe eine letzte Möglichkeit versucht, Karten zu bekommen, bin ja neugierig, ob’s noch klappt. Ist schon alles ausverkauft. Diesmal soll das Konzert in ‚Stuhlreihe‘ stattfinden!! Damit der Herr Le. nicht gestört wird durch die Herren Ober! Ist ja auch ganz in Ordnung. Ja – ich würde es bedauern, wenn wir leer ausgingen diesmal, mit Eintrittskarten. Die waren diesmal verkauft wie warme Semmeln. Na, Du wirst’s erfahren. –
Liebster! Ach Elfriedes lieben Brief legst Du mir mit bei. Die Arme ist schwer dran, sie tut mir leid. Kein bissel Bequemlichkeit hat sie doch, wenn sie krank ist, so allein. Ach, es ist doch in jedem Menschenkreis eine andre Not. Irgendwie sind sie alle betroffen von dem harten Geschick dieses unseligen Krieges. Hellmuth und Elfriede sehnen sich ja auch so sehr, beisammen zu sein. Ich habe ihr für Ostern einen langen Brief geschrieben, hoffentlich ist unterdessen alles wieder gut.
Sie schreibt von der 'Reiserei'. Alles hängt an den 70 km, ja! Und den ganzen Sommer über soll das so bleiben schrieb unsre Zeitung. Na, meinetwegen. Ich bleibe zuhaus. Und die Eltern [Nordhoff], die werden schon die Reiseerlaubnis von der Eisenbahne [sic] bekommen, uns mal aufzusuchen! Hauptsache ist, wenn mein Mannerli auf Urlaub kommt, daß ich dann mitfahren kann! Ach, nur keine Gedanken machen – das sind die kleinsten Sorgen, gelt?
Frau W.s Mann (die Kinderschartante!) ist am 1. Feiertag aus Rußland gekommen! 14 Tage Urlaub, Du ahnst nicht wie froh sie ist!
Frau La.'s [sic] Mann hofft, daß er Ende Mai abfahren darf. Seit die Bahn fertig ist geht es besser. Kennst Du den großen Baumeister M. aus Limbach? Weißt, er hat alle die Häuser a[m] Stadtpark gebaut, die schönen. Und im schönsten wohnt er selbst. An unserm Verlobungstage, als wir aus der Kirche heimgingen, liefen wir da vorbei und bewunderten die Häuser. Auch in Chemnitz hat er viel gebaut. Wohl auch das Rathaus? Kurz, der war auch bei Athen beim Militär. Mit dem Flugzeug ist er bis Wien gefahren, wie an seinem ersten Urlaub und dabei töttlich [sic] verunglückt. Das war ein großer Schreck für uns alle.
Herr La. wollte ja auch durchaus fliegen. Seine Frau hat's ihm aber ausgeredet. –
Herzelein! Hast wieder Läuferdienst gehabt, als Du meinen Mittwochboten fertig schriebst. Und der volle Mond sah herein zu Dir durchs Fenster. Und hast ihm, diesem Vielliebchen keinen Gruß an mich aufgetragen, weil er’s am Ende nicht anständig befolgt hätte. Du! Mir ist’s doch auch viel lieber, Du kommst selbst! Herzelein!!! Du kannst es auch über alle Ferne – Du findest mich, Geliebter!!
Meine Liebe, meine Sehnsucht ist Dein Pfad, sind Deine Flügel – sind Schlüssel zum Kämmerlein und zum Herzen, Du!
Bald zum letzten Male Nachtdienst – ach ich bin sehr froh, daß es nicht aus dem Grunde, weil Du fortkommst zum letzten Male ist, sondern weil ihr Verstärkung bekommt. O laß uns beide fest und zuversichtlich an Gottes gnädige Führung glauben, Herzelein! Es wird alles gut werden! Von Deinen Plänen zum Osterfest schreibst Du mir. Und ich warte nun auf Deine lieben Boten, wo Du mir mehr darüber erzählst, Du! Wenn Du nur gesund und froh, so froh im Herzen wie ich das liebe Osterfest verlebt hast, dann will ich ganz zufrieden sein. Mehr dürfen wir nicht beanspruchen in diesen Zeiten.
Ach, käme bald der Tag Deiner Heimkehr! Wie wollen wir glücklich aufatmen, Du!!!
Dein letzter Bote ist vom Gründonnerstag, den ich in Händen halte. Du liebstes Schätzelein bist so lieb zu mir gekommen, ach soo lieb!
Du! Ganz warm wird mir doch ums Herz bei Deiner liebenden Sorge und Fürsorge. Du hast mich ja sooo ganz sehr lieb, Schätzelein!
Ach, es rührt mich doch zu Tränen, wie so gut Du es mit mir meinst, Geliebter!!
Und nun erst recht wollen wir einander so ga[nz] innig in Liebe festhalten, wo der Krieg sein ernstes Gesicht zeigt. Wo Not, Entbehrung hart an der Schwelle stehen. Ach Du! Wenn Gott uns nur Gesundheit beschert, dann ist alles, alles zu ertragen! Du!! Du weißt auch in der Fremde wie die Dinge liegen daheim. Ach Liebster! Ich bitte Dich: sorge Dich nicht zuviel! Ich will Deine Liebe nie aus dem Herzen lassen bei allem, was ich auch tue! Du schenkst mir doch so viel, viel Kraft! Ach, das ahnst Du nicht, Geliebter! –

Und daß ich nicht mehr an bösen Tagen schwer arbeite, das verspreche ich Dir, Herzelein!
Lieber, Guter Du! Oh Geliebter! Ich habe Dich sooooooooooooo lieb! Ich lasse Dich nimmermehr! Nimmermehr! Mein bist Du ganz – ich bin ganz Dein!
Oh segne der Herrgott unseren Bund! Schütze er Dich vor aller Not, mein geliebtes Leben! Mein! Ich liebe Dich! Oh ich liebe Dich herzinniglich! Ich bleibe in Ewigkeit Deine [Hildi]. Dein!
Hilde Nordhoff
Hilde Nordhoff wurde 1920 als Hilde Laube in eine Arbeiterfamilie in Oberfrohna, eine Kleinstadt in Sachsen, hineingeboren. Sie arbeitete ein Jahr lang als Hausangestellte, dann in einem Trikotagenwerk.
Sie kannte Roland Nordhoff aus der Kantorei in Oberfrohna und trat sogar der evangelischen
Oberfrohna
Das Konvolut aus Oberfrohna befindet sich gut erhalten in privaten Händen in Deutschland. Es umfasst 24 Aktenordner mit ca. 2600 Briefen, die zwischen 1 und 20 Seiten lang sind. Der Briefwechsel beginnt im Mai 1938 und dauert, mit einigen kurzen (Urlaubs bedingten) Unterbrechungen, bis Februar 1946
Erwähnung der Adolf-Hitler-Schule
Mit der Adolf-Hitler-Schule ist wahrscheinlich Folgendes gemeint: https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf-Hitler-Schulen
Zusammenfassung
Gewichtsverlust wurde erwähnt. Hilde bittet Roland, genug zu essen.
Die Cousinen sind noch anwesend und sie waren zusammen im Stadtpark.
Hilde schwärmt davon, wie schön es ist, Kinder zu haben, sagt aber gleichzeitig, dass es in dieser Zeit zu viel Sorge bereitet, Kinder zu haben. (Hilde hat eine fast leere Seite beigefügt, die Platz für die Küsse an Roland bieten soll, trotz des Papiermangels.) Sie bemängelt die Situation der Bildung und hofft auf bessere Zustände für ihre Kinder.
Hilde will mit ihrer Mutter und Tante ein Konzert der Bach-Gesellschaft besuchen, zum Abschluss des Geburtstages ihrer Mutter. Sie hofft, noch Karten für das 3. Winterkonzert zu bekommen.
In der zweiten Hälfte des Briefes berichtet Hilde einiges über die „ernste“ Seite des Krieges.