
69.
Freitag, am 10. April 1942.
Herzensschätzelein! Mein allerliebster [Roland], Du!
Nun will ich meinen Tag beschließen, will Feierabend halten, Du! Und wie kann ich das wohl lieber als mit Dir? mein Herzelein! Du!!! Die liebste Beschäftigung am Tage ist es mir doch, wenn ich mich im Geiste zu Dir setze und Deine lieben Hände fasse – mit Dir plaudere, und so ganz glücklich bin! Herzelein! Liebster! Mein!!! Heute haben mir doch am Nachmittag so sehr die Wangen geglüht. Hast Du wohl ganz lieb und voll Sehnsucht an mich gedacht? Du?!! So heiß war mir im Gesicht, als hätte ich Fieber. Und dabei bin ich doch kerngesund! Wer weiß, was gewesen ist, daß Du so an mich gedacht hast. Du! Heute ist es doch wieder spät erst geworden, daß ich mich zu Dir setzen kann, wieder ½ 9 Uhr. Ich bin ganz allein zuhaus, Schätzelein! Ja!! Du! Wenn ich Dir doch eher Nachricht gegeben hätte, gelt? Da wärst Du gewiß gleich zu mir gekommen! Du!!! Die Mutsch ist mit der Tante Martel nach Glauchau gefahren. Sie kommt nicht allein ins Geschick mit 3 Kindern, dem Wagen und dem Koffer. Heruntergekommen ist sie ohne Wagen, den hat sie erst hier gekauft. Die Hauswirtin hat sie an die Bahn gebracht und Bekannte, die dieselbe Reise unternahmen, waren ihr herzu [sic] behilflich. Mit dem 1 Uhr Bus sind sie losgefahren. Mutsch kommt morgen früh wieder. Sie fährt über Chemnitz, da will ich sie treffen. Und den Geburtstag, der ja morgen ist, feiern wir erst richtig am Sonntag! Papa ist um 600 [Uhr] in den Nachtdienst. Ganz alleine bin ich. Do[ch] ich fürchte mich kein bissel, Herzlieb! Ich bin doch ganz bei Dir!! Geliebter mein!
Ach Du! Heute früh, bin schon [um] 6 Uhr aus den Federn, da spürte ich so viel Unternehmungsgeist in mir, daß ich mir zum Ziel setzte: heute die ganze Wohnung und den Flur reinzumachen, alle Wege zu besorgen, einen Geburtstagskuchen zu backen, Kopfwaschen und zu baden! Alles habe ich geschafft! Nur das Baden nicht. Ich bin zu der Einsicht gekommen, daß es zwecklos ist, wegen mir allein Badewasser zu machen. Die Eltern sind nicht da heute, so werde ich mich dann noch schön abwaschen von Kopf bis zur Zeh! Kannst heute zuschaun, Du – weil wir ganz alleine sind!!! Und morgen baden wir zusammen, das heißt getrennt zusammen! Du!
Ob wohl bei Euch heute Badetag war? Herzelein?
Viel Lauferei hatte ich heute wegen dem leidigen Leiblichen. Und der Grünwarenmann hat diese Woche seine Bude noch garnicht aufgemacht, steht stets dran: heute geschlossen. Der arme Kerl hat eben auch nichts zu verkaufen. Vielleicht ist morgen mal auf, damit man wenigstens über Sonntag mal was Grünes zu essen hat.
Du! Heut habe ich zum ersten Male Kohlrüben [g]ekocht zu Mittag. Es hat fein geschmeckt! Und heute abend gab es Trüffelwurstschnitten mit saurer Gurke und – eine ganze Flasche Köstritzer Schwarzbier! Mir ist noch ganz benommen zu Sinn [sic] vom Alkohol. Aber diese Sorte Bier ist gesund, baut auf – kräftigt! Wenn ich auch keine stillende Mutter bin, so ist mir’s ganz ausgezeichnet bekommen. Und die Kraft, die es spenden soll, schadet mir bestimmt [a]uch nicht, gelt?
Du! Schätzelein! Fein riecht es, nach Kuchen! Deine Zutaten sind doch drinnen! Ich hatte noch ein Pfund Mehl, da habe ich nicht gezögert! Weil doch Festtag ist! Dich lasse ich auch mal kosten Herzlieb! Wenn’s auch altbacken ankommt – Du bist doch in unsrer Runde als wäre es Wirklichkeit, Du!!
Ach Liebster! Dich muß ich doch am allerallerliebsten haben von allen Menschen, die um mich sind! Und so wird es immer bleiben! Du!!!
Bist mir der Allerliebste! Der Einzige! Du!!! Schätzelein! Da hoffte ich nun, daß ich doch noch Eintrittskarten für das Bachkonzert bekäme, jedoch vergeblich. Schon längst ausverkauft. Weil es jetzt ‚Städtischer Chor‘ heißt, maßt sich die Stadt auch gleich ihre Rechte an. Sie hat 50 Billets auf einmal gekauft für verdiente Angestellte. Ob sich darunter nicht 1/3 befi[n]det, die sich garnicht für solches Konzert begeistern können? Denen es garnicht eine so große Freude ist? Na, das läßt sich nicht ändern.
Es soll halt vielleicht nicht sein, daß ich hingehe. Aber bedauern muß ich’s doch.
Dafür will ich mir mit den Eltern den Film ansehen, der heute anlief „Der große König“, soll ein Meisterstück sein! Den darfst Du nicht versäumen, Liebster!
Wenn man so die ganze Woche zuhaus ist, sehnt man sich mal nach einer guten Unterhaltung. Es ist so schade, daß die Theater wegen der Zugverhältnisse nicht zu besuchen sind. Ich möchte so gern wieder mal in Schauspielhaus. Wir müßten eins im Orte haben.
Ach Du! So etwas kann man immer noch nachholen, später, gelt? Und in Deiner lieben Gesellschaft ist dann alles noch einmal so schön! Wenn ich ehrlich sein soll: die Zeit zu solchem besonderen Genuß, die müßte ich mir einfach nehmen; vorhanden ist sie nämlich nicht. Ich habe immer mein Programm. Gerade in der vergangenen Feiertagswoche war ich mal ledig aller Pflicht und glaubst, ich kam mir direkt komisch vor, weil so viele Stunden am Tage vor mir lagen, die ich ohne einen besonderen Zweck gebraucht hätte. Ein Zeichen, wie schnell man sich wieder an den Tritt [sic] einer Arbeit für Fremde gewöhnen kann. Ich fand es schön, mal wieder ohne Programm zu leben. Aber ich freue mich auch auf meine Pflichten kommende Woche. Weißt? Es teilt sich die Woche schöner ein, viel schneller geht die Zeit und ich muß nicht jeden Tag gar so viel darüber nachdenken wie es nun ist und wie viel schöner es sein könnte. Ach Herzelein! Ich glaube, ich bin ein Tatmensch.
Ein Leben ohne Pflichten ist kein Leben. Auch wenn es nur Pflichten sind, die eine lange, oft schmerzliche Wartezeit sollen überbrücken helfen. Die eigentliche Erfüllung meines Daseins, die erwarte ich ja noch! Du! Die ist mit meinem Tun jetzt garnicht zu vergleichen! Oh! Tausendmal schöner wird dann alles sein! Für Dich jeder Griff! Für unser Glück jeder Atemzug.
Nur ein leiser Vorgeschmack auf ein Leben voll froher Pflichten ist mein Alltag jetzt. Denn ich bin doch immer noch das Kind, das Mädel, daheim! Wenn ich erst als Dein Weib leben kann so ganz in der Tat als Dein Frauchen, das Dir den Himmel auf Erden bereiten will! Oh!! Wie muß das herrlich sein, Geliebter!! Du!!! Nur für Dich da sein, Tag und Nacht, Stunde um Stunde, jahraus – jahrein! Oh Herrgott im Himmel! Sieh uns vor Dir bittend stehen, segne Du unser Lieben, sei gnädig unserm Bitten, schenke uns ein friedvolles Leben in Eintracht und innigem Einssein! O Gott im Himmel! Erhöre unser Gebet! Stehe uns bei! Amen.
Mein Herzelein! Heute ist wieder kein Brief von Dir gekommen. Es ging aber auch gleich gar zu fein mit der Postbestellung anfangs der Woche! Mußte ja zu erwarten sein, daß es aushakt! Ich bin aber nicht traurig darum, ich habe ja soo viele Pfänder Deiner treuen Liebe bei mir! So viele liebe Boten halte ich glücklich in meinem Besitz! Oh Du! Sooo reiches Glück hat niemand außer mir zu Eigen! Du!!! Ach Schätzelein! Ich kann mir das Leben garnicht mehr vorstellen ohne Dich! Du!!! Du gehörst ja zu mir wie mein Herzschlag, wie mein Atem. Bist so ganz zuinnerst mein, mein!!! Und ich lasse Dich nie und nimmermehr los! Ganz fest halte ich Dich mit meiner Liebe! Du! So fest wie die Erde die Wurzeln einer Pflanze umklammert hält. Mein bist Du! Ewig mein! Keine Macht der Erde kann Dich je wieder aus meinem Herzen reißen! Zu tief ist Dein Herz mit dem meinen verankert. Du!!! Ach, ich weiß es zu meiner ganzen Glückseligkeit, daß Du Dich von mir so ganz festhalten läßt! Daß Du Dich einhüllen läßt in meine Liebe, so ganz innig umhüllen läßt von mir! Oh Du! Zwischen uns ist ein köstlich Tauschen, solch großes, reines Herzensglück! Geliebter! Wie kann sich das Glückträumen herrlicher erfüllt leben, als zwischen Dir und mir? Wo kann die Erfüllung alles Liebesglückes reicher, köstlicher sein, als zwischen uns beiden?
Oh Du!! Du!!! Wundersamer, viel schöner noch, als ich vom Glück einer hohen, guten Liebe träumte, hat sich nun der Wunder größtes an mir erfüllt. Durch Dich! Durch Dich, geliebtes Wesen!!! Oh! Du bist mir Inbegriff alles Erdenglückes! Denke zurück, Geliebter! Schaue den Weg unsrer Liebe, Schritt um Schritt sind wir uns nähergekommen – jeder Schritt ein sichtbares Zeichen, ein Geschenk des höchsten Vertrauens und innigsten Liebens! Oh Du! Ich kenne sie alle noch, die Zeichen unsres Findens! Weiß all trauten Orte noch und heimlichen Plätzchen! Du! Das alles kann uns niemand nehmen! Ist unser ureigenster Besitz! Errungen und erstrebt durch unendliche Liebe und Treue! Und nun trägt diese Zeit, da die erste, tiefe heiße Liebe in unsre Herzen fiel, wie ein Saatkorn reichste, schönste Frucht: wir sind einander ganz gewiß! Und ganz zu eigen, bis in den letzten Winkel unsrer Herzen.
Liebe, wohin wir schauen Liebe – lauter überquellende Liebe!,
Oh Geliebter! Ich bin ja sooo glücklich mit Dir! Sooo überglücklich! Ach Du!!! Herrgott! Halte uns demütig im Glücke! Schenke uns deine Güte, deinen Segen allezeit. Mein [Roland]! Nun will ich schlafen gehen, ich bin so selig müde! Bin so glücklich! Weil ich mich von Deiner treuen Liebe gehalten weiß! Oh Du mein Ein und Alles!!! Ewig Deine [Hildi].
Hilde Nordhoff
Hilde Nordhoff wurde 1920 als Hilde Laube in eine Arbeiterfamilie in Oberfrohna, eine Kleinstadt in Sachsen, hineingeboren. Sie arbeitete ein Jahr lang als Hausangestellte, dann in einem Trikotagenwerk.
Sie kannte Roland Nordhoff aus der Kantorei in Oberfrohna und trat sogar der evangelischen
Oberfrohna
Das Konvolut aus Oberfrohna befindet sich gut erhalten in privaten Händen in Deutschland. Es umfasst 24 Aktenordner mit ca. 2600 Briefen, die zwischen 1 und 20 Seiten lang sind. Der Briefwechsel beginnt im Mai 1938 und dauert, mit einigen kurzen (Urlaubs bedingten) Unterbrechungen, bis Februar 1946
Notizen zum Briefinhalt
Hilde schreibt von Lebensmittelknappheit. Will mit den Eltern ins Kino gehen: „Der große König“ (Kinofilm 1942, im Auftrag von Goebbels)