
60.
Sonnabend, am 11. April 1942.
Herzallerliebster! Mein lieber, guter [Roland]!
Ich bin wieder zuhaus, es ist abends ½ 9 [Uhr] da ich zu Papier und Feder greife. Nun will ich Dir gleich erst mal schön der Reihe nach erzählen. Am Morgen ½ 8 [Uhr] bin ich zuerst zum Friseur gegangen, mußte mich ein wenig ordentlich machen lassen. ½ 10 [Uhr] war ich wieder draußen und habe mich gleich um einen schönen Blumenstrauß für Mutsch gekümmert. Es gab wenig Auswahl beim Gärtner. Ich wollte gern 10 Tulpen haben, ich bekam nur 5 Stück und ein paar Narzissen. Dann habe ich beim Gärtner D. noch 5 Tulpen geholt. Schöne zart violette Tulpen, den schenkte ich Mutsch in unserm Namen, Herzelein! Und nun richtete ich den Geburtstagstisch. 2 Blumensträuße, 1 Quarktorte (obenauf eine 44 aus Rosinen!) einen Aschkuchen. Eine Schale Apfelsinen, 1 Büchse Milch, die 3 Deckchen und ein Paar schwarze, feine Schuhe, die die Mutsch nicht nehmen mag! Du! Und die mir ganz, ganz sehr gefallen! Herzelein! Ich muß nur noch bis zum 19. warten, dann werde ich auch die anderen sehen, dann kann sich ja Mutsch 1 ein Paar wählen. Ich mag sie [sic] doch nicht alle beide Paare nehmen, Du! Möchte ihr doch auch die Freude lassen, von Dir ein Paar Schuhe zu haben. In der Stube hatte ich alles schön aufgebaut und abgeschlossen. Nun mußte ich doch zuerst mal die lieben Briefe lesen, die angekommen waren. Zwei von Dir Herzelein und eine Geburtstagskarte von Ilse Sch. Ach Du! Ganz sehr gefreut habe ich mich doch über die lieben Boten von Dir, einer vom Karfreitag und einer vom Ostersonntag. Du! Ich danke Dir von ganzem Herzen für alle Liebe! Morgen will ich näher darauf eingehen gelt?, [sic] denn heute abend ist es dafür zu spät.
Und wie fein! Herzlieb! Der Geburtstagsbrief für die liebe Mutsch kam mit an, also ganz pünktlich. Eine Leistung Du, bei solch einer Entfernung! Es war also in der 11. Stunde, als ich nach d[e]m Grünwarenmann ging, zum Fleischer, Bäcker K., Schuhmacher. Um 12 [Uhr] war ich daheim, kochte uns einen Grießbrei und Rhabarberkompott. Vater machte sich nun fein für die Stadt, ich wusch auf, räumte schön auf, damit es richtig feiertäglich aussah wenn Mutter heimkommt. ½ 200 [Uhr] fuhr unser Zug. Papa’s [sic] Hut wollten wir umtauschen, der paßt doch nicht gut. Und wir hatten auch Glück. Weißt? In dem Geschäft in der Königstraße, wo du Deinen Sommerhut kauftest! Ich habe auch gleich mal Deinen verdorbenen Velourhut mitgenommen zum Reinigen! Wenn du etwa bald heimkommst, damit alles klappt. Auch Dein grüner Anzug ist seit Februar in der Reinigung. Papa hat einen schönen andern Hut bekommen. Er fuhr nochmal zur Tante Herta und ich bin zur Arbeitsbesprechung gegangen. Frau P. gab uns wieder allerlei Anweisungen. In Aussicht stehen folgende Feste: Führers Geburtstag, Muttertag, 1. Mai, Schargründungstag. Das soll nun ein wenig festlich – dem Krieg entsprechend – gestaltet werden. Lieder gab sie uns mit, Bastelanregungen, Spiele. Ich war ganz zufrieden diesmal mit ihren Ausführungen. Jede Frau bekam ’ne [sic] Handvoll Sonnenblumenkerne, die sollen die Kinder stecken und Blumen züchten! Du! Als ich hinkam um 300 [Uhr], saß doch meine Frau Mama dort und erwartete mich! Wie freute ich mich! Sie war gegen ½ 3 [Uhr] in Chemnitz angekommen und wartete nun bis ich fertig war, daß wir gemeinsam heimfahren konnten. Das taten wir denn auch.
Wir mußten noch ein wenig bummeln, weil der Zug erst in ¾ Stunden fuhr. Und dann kam auch noch unser Fritzpapa angesäuselt auf den Bahnsteig. Nun waren wir wieder beisammen! Und unser gutes Geburtstagskind in der Mitte, fuhren wir heimatlichen Gefilden zu. Ach, daheim ist’s doch am schönsten. Zuerst kam die Bescherung für’s Geburtstagskind! Die Freude war groß! Und der erste Griff galt deinem Briefe, Du! Herzlieb, Du hast so lieb an Mutter geschrieben, ich habe mich auch mit ganz sehr gefreut.

Na, zu bewundern galt es diesmal nicht allzu viel, die Geschenke waren zu über sehen [sic].wiesen
Fröhlich setzten wir uns zusammen an den Abendbrottisch, Dich ganz in unsrer Mitte in Gedanken, unseren lieben Sohnemann! Mein Herzensschätzelein! Du! Wie könnte es anders sein, Geliebter? Bist doch zu allen Stunden in meinem Herzen, bist allezeit bei mir.
Und ich lasse Dich nimmermehr von mir, oh Du! Ich liebe Dich zu sehr! Oh Du!! So von ganzem Herzen.
Und dann saßen wir noch bei einem Täßchen Kaffee und kosteten die Quarktorte, leider kannst Du nun davon nicht kosten, die würde schimmlig! Und nun wollte Mutsch auch noch baden! Und wahrlich, es ging ganz schnell. Jetzt bin ich schon fein neuwaschen [sic] und sitze im Nachthemd bei Dir! Wer wird mir dann heute abend durch meine Locken zausen??!! Oh kein Mensch! Die halten diesmal ewig! Bin ja allein! Kein unartiges Mannerli ist bei mir!! Ehrlich aber: lieber wollte ich ein unartiges Mannerli, als schöne Locken!
Du! Ich liebe Dich! Behüt Dich Gott! Ewig Deine [Hildi].
Hilde Nordhoff
Hilde Nordhoff wurde 1920 als Hilde Laube in eine Arbeiterfamilie in Oberfrohna, eine Kleinstadt in Sachsen, hineingeboren. Sie arbeitete ein Jahr lang als Hausangestellte, dann in einem Trikotagenwerk.
Sie kannte Roland Nordhoff aus der Kantorei in Oberfrohna und trat sogar der evangelischen
Oberfrohna
Das Konvolut aus Oberfrohna befindet sich gut erhalten in privaten Händen in Deutschland. Es umfasst 24 Aktenordner mit ca. 2600 Briefen, die zwischen 1 und 20 Seiten lang sind. Der Briefwechsel beginnt im Mai 1938 und dauert, mit einigen kurzen (Urlaubs bedingten) Unterbrechungen, bis Februar 1946
Aschkuchen
Eine Art Napf-/Topfkuchen.