Donnerstagmorgen, am 21. Mai 1942.
Mein Herzlieb! Du!!! Geliebter! Mein allerliebster [Roland]!
Deinen Mittwochbrief bekommst Du nun erst heute früh, Schätzelein. Ich bin doch gestern schon um 8 Uhr schlafen gegangen, Du! Gleich nach dem Abendbrot. Ach, ich war ja so müde und kaputt und ich hatte Schmerzen auch. Ich konnte mich nicht zusammenreißen, um an Dich zu schreiben, mein Herzlieb. Es wäre sicher kein froher Brief geworden, und das wollte ich nicht. Und nun laß Dir erzählen. Schon mehrere Tage spüre ich die bleierne Müdigkeit in den Gliedern, die oft meine bösen Tage angkündigt. Ich habe mich immer wieder aufgerafft, weil ich dachte es läge an der Witterung, der dünstigen Schwüle. Es ist so drückend draußen, weil kein Regen kommt. Aber gestern Vormittag wußte ich nun, daß alles mal wieder seine Richtigkeit hatte. Ich bin krank geworden. Ja, Mittwochnachmittags halte ich Kinderschar um 2 Uhr. Damit ich nach dem Mittagessen noch ein Stündchen frei habe, mich ein wenig zu sammeln, arbeite ich schon am Vormittag vor. Ich mache alle Arbeit schon mit, die ich nach Tische sonst noch habe. Und Mittwochs habe ich auch den ganzen Flur zu wischen. Wege besorgen mußte ich auch. Vielleicht habe ich ein bisschen zu toll gemacht [sic]. Weil gestern wieder solch warmer, sonniger Tag war, bin ich mit den Kindern Tee sammeln gegangen. Die beiden anderen Frauen waren auch mal da! Auf den Wiesen sammelten wir, die am Oberen Gutsweg sind, links von der Ziegelei, weißt? Bis zum Gemeindewald pilgerten wir. Die Säcklein und Körbchen der Kinder füllten sich, es machte Freude. Kurz nach 4 Uhr waren wir wieder im Dorfe und gingen dann heim. Frau L. begleitete mich, ich hatte ihr ein paar Briefumschlage [sic] versprochen, weil sie nirgends welche bekommt. Ihr Mann ist vorigen Freitag wieder fort, ach sie hat so geweint gestern, es fällt ihr sehr schwer das Alleinsein. Ich kann’s verstehen, sie ist sehr allein in der stillen Wohnung. Und Kinderchen kommen auch diesmal noch nicht, sagte sie. Ich habe immer noch die Eltern um mich, Herzelein – ich bin auch sehr froh drum, wenn ich mich auch manchmal so nach einem eigenen Heim sehne. Man trägt schwerer am Fernsein in der Einsamkeit.
Ach Liebster! Ich will messen, wer von uns mehr Sehnsucht nacheinander hat, L.s oder wir, Du!!! Frau L. war also bis gegen 6 Uhr bei uns, Mutter kam ½ 5 [Uhr] heim und Vater war mit da, darum verzögerte es sich so. Ich merkte schon, wie mir immer elender zumute wurde. Eine Leere im Kopf und so schwindlig. Ich weiß, es ist von der Sonne gekommen, die am Nachmittag auf meinen Kopf prallte und vom Bücken nach den Gänseblümchen. Man soll sich an solchen Tagen nicht so toll der Sonne aussetzen. Als nun Frau L. fortging brachte Papa ein großes Päckel hervor: Seefisch von der Oma aus Mittelfrohna! Sie bekam ihre Zuteilung, jedoch können sie keinen Fisch essen. Weil’s so warm ist, wollten wir den Fisch nicht bis zum anderen Tag aufheben und ich machte mit Mutsch gestern noch warmes Essen. Fisch mit Senfsoße und Kartoffeln. Gut geschmeckt hat es! Mutter trug Vater das Essen hin und ich wusch derweil auf. Aber dann war ich so fertig, daß ich gleich schlafen ging. Ich bin auch sofort eingeschlafen.w
Herzelein! Du!! Und heute früh bin ich doch wieder ganz schön munter! Heute Nacht hat es tüchtig gewittert und geregnet, ich habe nichts gemerkt, wie ein Murmeltier hab ich geschlafen! Und ich merke, wie mich der tiefe Schlaf gestärkt hat. Aber heute will ich ganz artig sein und mich schonen, es ist nicht schön, wenns einem überall wehtut. Herzelein! will mich ganz fein still verhalten, du! Ach, ich kann’s auch. Herzelein! Gestern sind doch von Dir zwei sooo liebe, liebe Boten angekommen, Du!! Ach Du!!!!! Geliebter Du!!!!! Wie habe ich mich doch gefreut! Sooo gefreut! Überfreuen [sic] mußte ich mich wieder. Ach Du liebstes, herzigstes Mannerli! Mein Goldherzelein Du!! Oh Du!!! Bist sooo lieb mit mir! Ach – wie soll ich Dir denn Deine Liebe danken? Deine reiche, so innige Liebe! Geliebtes Herze mein! Oh Herzelein! Ich weiß es so froh beglückt: ich lebe in Dir, zu mir hin drängt es Dich unwiderstehlich, meiner Liebe tut sich Dein Herz auf – ich soll Dich ganz kennen, soll Dich ganz besitzen, in meinem Herzen will sich Dein Wesen spiegeln – weil ich Dich liebe, ach soo liebe. Oh Geliebter! Wie beglückt es mich immer mehr, zu erkennen und zu fühlen, wie lieb wir einander nun haben! Daß wir einander so lieb verstehen können! Oh Geliebter! Wie unsre Wesen einander doch verwandt sind, ach Du!!, wie es ein ganz seltenes Glück ist, daß wir einander fanden, Du!!!!! Oh – ich fühle es soo tiefbeglückt wie Du, Geliebter! [A]ch Herzelein! Wie freue ich mich darauf, mit Dir durch dieses Leben zu gehen, daß es uns immer enger verbindet und zusammenwachsen läßt. Ach ich weiß! Du wirst mich doch immer mitnehmen, wirst keinen Schritt allein tun, keine Freude mehr allein haben und keinen Gewinn mehr für Dich – ich will Dir doch soo gern überallhin folgen, Du! Und auch ich will Dich teilnehmen lassen [an] meinem Freuen und Empfinden und Du wirst mir doch auch folgen Herzelein, ich weiß es! Ach Du!! Du!! Das brauchen wir uns doch garnicht vorzunehmen, das kommt so von ganz allein beim Zueinanderneigen in tiefster, innigster Liebe. Und Herzelein! Wenn ich das bedenke, dann kann mich doch der Unterschied unsrer Lebensalter garnicht bange machen, nein! Du bleibst doch so jung wie ich! Und ich Dein treuster, liebster Lebensgefährte! Tausend Bande werden uns inniger verbinden als Jahre uns einander entfernen und entfremden könnten. So lieb und fein werden unsre Leben aufeinander abgestimmt sein, Du!!! Ich glaube an den festen Grund unsrer Liebe! Ach, ich fühl sie in mir wie Du, Geliebter! So mächtig, kraft- und lebensspendend. Ach Du, Geliebter! Ich bin doch dessen Zeuge, ach – bin dessen so ganz inne, wie Du so entschieden und ausführlich auf mich gerichtet ist! Wie sie mein Herzensmannerli bewegt und wandelt und ganz ausfüllt. Ach du! Du! Herzensmannerli mein! So wie Du mich liebst, so kann mich kein andrer Mann je lieben! Das weiß ich so gewiß, wie ich von mir weiß, daß ich nie einen anderen so liebe wie Dich allein! Ach du! Du!!! Du!!!!! Herzelein! Ach möchtest doch auch Du erkennen, wie sich mein ganzes Sein und Leben und Lieben Dir zuneigt, ganz an Dich bin ich verloren, Du hast mich so ganz, Du! Oh Du! Wir wollen Gott geloben, daß wir dieses Leben in seinem Namen führen wollen. Und geloben es nicht allein, Liebster! Von Anbeginn haben wir uns zu Gott geflüchtet mit unserem Glück, es ist uns zu groß, zu reich, zu köstlich. Nur bei Gott wissen wir es recht geborgen. Oh Herzelein! Wohin sollten wir mit unserem Danken überquellender Freude? Und wohin mit unserem Bitten und Beten füreinander, aller Liebe tiefster Innigkeit? Ach Du! Ganz verwandt empfinden wir doch auch hier, Herzelein!
Oh Du großer Gott im Himmel! Sieh uns beide Hand in Hand! Segne unsere Liebe! Sei gnädig unserm Glück! Ach Herzelein Mein Herzelein! Ich kann den Strauß der Liebe doch garnicht umfassen, der mir geschenkt wird von Dir! Du!! Du!!!!! Geliebter! Ach Du! Wie unendlich lieb kommst Du zu mir! Wie bedrängst Du mich mit Deiner heißen Liebe! Oh Du! Wie selig überströmt mich wundersames, tiefes Glück! Mein! Mein! Mein ist die Seele, die treue, in Liebe ergeben! O Geliebter! Ob ich es will oder nicht, Liebe nur Liebe! Oh Du!!! Ich liebe Dich! Herzelein! Ich liebe Dich! Ach Herzelein! Wenn ich den Weg unsrer Liebe bedenke und meiner liebe zuerst, dann weiß ich: nur Du konntest mein Mannerli werden, nur Du! Wie ich nur Dein Weib werden konnte, nur allein Dein Weib! Ach Herzelein! Das kann ich Dir doch garnicht mit Worten ins feinste erklären. Du! Aber es ist so, Du! Du!!!!! Mein einzigstes [sic], geliebtes, herzigstes Mannerli, mein! Ich bin sooo ganz Dein! Dein!! Dir verloren, ewig Dein glückliches Weib und so ganz Deine glückliche [Hilde]! Oh Geliebter! Nun haben wir unsere Leben umeinandergeschlossen und es ist doch solches Gebundensein, wenn es zu rechtem Glücke gereichen soll, eine höhere schönere Freiheit! Ach Herzelein, Du! Ich mag nur immerzu bei Dir bleiben – so wie Du nur immerzu bei mir bleiben magst! Mag immer nur gebunden sein, gefangen von Dir, Du Liebster! Bester! Einzigster [sic]! Guter! Oh Geliebter! Mein [Roland]! Wir müssen einander sooo herzinnig liebhaben! Kann es denn Sünde sein? Herzensmannerli, Du! Wisse, daß auch mein Herz Dir zuschlägt in unendlicher Dankbarkeit, in Treue und heißer Liebe! Oh Du! Du!! Du fühlst es, daß ich so ganz ganz glücklich in deinem Herzen wohne – oh Herzelein! Mein Herzelein!!! Ich halte Dich sooo lieb und glücklich umfangen! Mein Sonnenschein! Du!! Mein Ein und Alles! Geliebter! Geliebter mein!!!!! Ach Geliebter! Wie unendlich wohl tut mir Deine große Liebe! Wie so reich hast Du mich beglückt mit Deinem geliebten Boten vom Dienstag und Mittwoch. Ach Du! Worte können Dir unmöglich meinen Dank sagen. Oh Du! Du!!! Tiefbeglückt muß ich sie immer und immer wieder lesen, Deine Verse, Geliebter! Ach, sie sind mir innigster Ausdruck Deiner Liebe! Du!! [G]anz lieb möchte ich Dich doch umfangen und an mein Herze drücken, Du! In überquellender Dankbarkeit und Liebe, Liebe! Oh Schätzelein! Wie danke ich Dir! Ich küsse Dich ganz lieb und herzinnig oh Du! Du!!! Sooo liebhaben muß ich Dich! Sooo sehr liebhaben, mein Herzelein! Wenn Du erst wieder einmal zu mir kommst!!! Geliebter mein! Eben ist die Post gekommen, ach Du! Wieder 2 liebe Boten von Dir! Oh Geliebter! Du!!! Du überschüttest mich ja mit lauter Liebe! Ich ertrinke doch im Meer Deiner Liebe! Oh Herzelein! Sei bedankt aus tiefstem Herzen! Und denke doch nur an [sic]!!! Vom Siegfried bekam ich eine Karte! In Dresden abgestempelt!!! Mit dem Stadtbild von Dresden darauf!! Herzliebste Pfingstgrüße und al[les] Gute Dir u. den l[ie]b.[en] Eltern von meiner Durchreise, Dein Siegfried. Der Siegfried ist im Lande! Na, so eine Überraschung! Und da öffne ich nun den Brief der lieben Eltern aus Kamenz, und lasse mir erzählen, daß man Siegfried mit seinen 8 Mann vergessen hat, mit nachhause zu nehmen! Aber eine altbackene Nachricht! Aber so eine Freude! Da muß ich doch heute Nachmittag gleich nach Kamenz funken! Ob dann Siegfried in seine alte Garnison muß, nach Meiningen? Ehe er nach Hause darf. „von meiner [Du]rchreise.! Oder fährt er schon nach Kamenz zu? Ich bin doch ganz aufgeregt. So viel [sic] frohe Nachrichten auf einmal. Soviel Liebe von meinem Herzensmannerli! Ich bin ganz benommen, Du! Und die Eltern schenkten mir ihre schönen Bilder! Du hast sie auch! Wie schön sie sind, gelt? Ach Herzelein! Ich bin zu glücklich! Du!!! Wie liebe ich Dich! Goldherzelein! Gott sei mit Dir!
Ich bleibe in Liebe und Treue Deine glückliche [Hilde] Dein!
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Hilde Nordhoff
Hilde Nordhoff wurde 1920 als Hilde Laube in eine Arbeiterfamilie in Oberfrohna, eine Kleinstadt in Sachsen, hineingeboren. Sie arbeitete ein Jahr lang als Hausangestellte, dann in einem Trikotagenwerk.
Sie kannte Roland Nordhoff aus der Kantorei in Oberfrohna und trat sogar der evangelischen
Oberfrohna
Das Konvolut aus Oberfrohna befindet sich gut erhalten in privaten Händen in Deutschland. Es umfasst 24 Aktenordner mit ca. 2600 Briefen, die zwischen 1 und 20 Seiten lang sind. Der Briefwechsel beginnt im Mai 1938 und dauert, mit einigen kurzen (Urlaubs bedingten) Unterbrechungen, bis Februar 1946