Dienstag, am 7. Juli 1942.
Geliebtes, teures Herz! Mein Liebes, herzliebes Mannerli! Du! Ganz schuldbewußt komme ich doch heute zu Dir, komme ganz schnell nun zu Dir, Du! Es ist kurz vor 2 Uhr mittags. Ich bin doch gestern wahrlich nicht dazugekommen, Dir zu schreiben, mein Herzelein!
Bitte, sei nur nicht bös! Ich habe Dich nicht vergessen! Der Tag reichte nur nicht aus für all meine Geschäfte, weißt? Erstens habe ich ein wenig mehr Drasch, wenn Mutsch bis abends arbeitet, denn da bleibt mir alles übrige zuhaus liegen, wenn ich Einholen bin. Du mußt bedenken, daß das Einholen jetzt eine Sache für sich ist. Man darf da nicht mit Minuten geizen! Na, wenn [s]ich das Anstehen verlohnt, dann machts auch noch Spaß.
Ja, ich bin also gestern früh ½ 7 00 [Uhr] mit dem Rade nach Kaufungen gefahren zum einkaufen! Zu K.s fuhr ich. Sie waren schon in den Beeten und ich habe ihnen gleich bissel mitgeholfen - Erdbeeren pflücken - sie machten schon alles für den Markt bereit. Die Beeren jedoch sind Eigentum der Familie. Na, Du weißt wie es so ist, man kommt nicht so rasch wieder heim, wenn man bei Verwandten ist. Und ich habe gut eingekauft. Gegen 11 Vormittag bin ich heim, nun mußte ich gleich das Essen bereiten. Auch Päckchen waren angekommen vom Hubo! Bücher und Briefe, ich glaube, nun ist alles eingetrudelt. Ich heb alles auf. Auch von Fidi kam ein Päckchen, mein Geburtstagsgeschenk: ein feines Kochbuch und noch ein Sonderheft für Festessen! „In Königstein zu benutzen, wenn wir kommen” schreibt Fidi! Ich hab mich recht gefreut. Sie hat sich so gemüht um ein Geschenk, es gibt ja nichts. Ich mag doch garnichts haben, sie brauchte sich nicht den Kopf zerbrechen! Zu Weihnachten habe sie Gottlob für uns alle ein Geschenk, meinst sie! Sie freut sich sehr auf das Kindelen!
Wenn nur alles gut geht.[*]
Herzlieb! Dann hielt ich mit Mutsch Mittag, Vater hat Tagesdienst, wir mußten Essentragen gehn. Nach dem Aufwaschen mußte ich nun erst die Schlafzimmer aufräumen und alles bohnern, auch im Flur, denn das war mir früh [sic] liegen geblieben. Daran anschließend habe ich geplättet, 1 Stunde Wäsche gelegt. Nun machte ich Feuer im Ofen, weil ich doch für mein Herzlieb Plätzchen backen wollte. Darweil das Feuer sich besann, lief ich zum Bäcker, um Mehl zu kaufen und dann gings los. An die 100 Stück sind es geworden von 1 ℔ Mehl. Du kannst Dir vorstellen, wie ich dabei geschwitzt habe, bei der Hitze draußen hatte ich ein Feuer um Ofen, daß es glühte! Hoffentlich schmecken Dir die kleiner Dingerchen gut, wo ich sie Dir „im Schweiße meines Angesichts" bereitet habe, Du!! Bis um 6 abends buk ich! Unterdessen ballte sich ein Gewitter zusammen und es fiel auch ein kurzer Regen. Rasch bin ich noch zum Milchmann gelaufen, damit ich eine Suppe kochen konnte für’s Abendbrot, wir aßen sie kühl und Butterschnitten mit Radieschen.
Mütsch legte dann weiter Wäsche und heute wollen wir zur Mangel. I[ch] hab mich dann umgezogen für den Frauendienst, Ilse Sch. holte mich dazu ab. Wir stopften Strümpfe für’s Lazarett - es gab feinen Quarkkuchen zu essen! Wir waren in der „Krone". Ich hatte gemeint, daß ich am Abend noch einen Brief beginnen könnte für Dich, Herzlieb, den ich morgens fertig schreiben konnte und bis Mittag zur Post tragen.
Doch erstens kam es wieder mal anders und zweitens als man denkt. ½ 11 [Uhr] war Schluß und ich bin mit Ilse rasch heim. Es war ziemlich dunkel gestern nacht. Als ich unsere Vor[klar]tür aufschließen will, geht es nicht. Ich hab rumgewürg[t] bis ich entdeckte, daß vom [sic] innen der Schlüssel steckte! Bei aller Mühe ließ er sich nicht hinausstoßen. Nun fing ich schon leise an zu grollen. Runter in den Hof, S[te]ine gesucht im Finstern und geschossen, nach dem offenen Schlafstubenfenster. Es hat nun so geplum[p]st. Einer saußte gegen die Scheibe, sodaß ich meinte, sie spränge entzwei. Ja Kuchen! Meinst Du wohl, daß mein Training im Weitwurf genützt hat? Die schliefen oben wie die …..! Nun packte mich aber die Wut und ich nahm auch keine Rücksicht mehr auf die Schläfer, die noch im Hause waren. Ich drückte sekundenlang den Klingelknopf. Nichts! Dreimal habe ich alarmiert, endlich kam oben Vaters Stimme ganz verschlafen.
Na endlich! Es war schon ½ 12 [Uhr]! Ich hab müssen erst ein Donnerwetter loslassen oben über die Schlafmützigkeit, ich hatte eine Wut im Bauch. Na, damit hatte ich nun den Eltern den Schlaf verscheucht und mir selbst war die Stimmung vergangen zum schreiben. Kannst Dir das vorstellen, Du? Ich bin nun mal kein Geduldslamm, das bis zum Morgengrauen vor der verschlossenen Tür sitzt. Ich war schon entschlossen zu Ilse zu gehen, um bei ihr zu schlafen. Aber weil ich wußte, daß ich damit den Eltern morgens [bei]m Wecken einen Schreck einjagen würde, versuchte ichs noch und noch einmal. Aber sonst – bei mir wird da nicht lange gefackelt. Du! Mannerli! Wenn Du mich mal so aussperrst, dann gehe ich fort und schlaf woanders!!
Heute früh haben wir dann gelacht über den Spuk um Mitternacht!
Ich hab mir gestern abend eine Handvoll Plätzchen mit ins Bett genommen und habe gewartet, bis sich mein Gemüt beruhigt hatte!
A[ch] Du! Herzlein! Du mußt nicht denken, daß ich nicht Dein denke, wenn ich einmal nicht schreibe! Dann tue ich irgend etwas für Dich, dann habe ich irgend eine Beschäftigung, wo ich ganz lieb Dein denke dabei! Du bist doch sooo fest in mein Herz eingeschlossen, daß kein Tag, keine Stunde vergeht, wo ich an Dich denke, lieb und fest und innig. Du weißt ja, Du!! Wie ich Dich liebe! Herzelein Du!!!
Und nun ist Dienstag. Eben entläd sich wieder ein Gewitter, diesmal regnet es mehr dabei. Es hat sich schon recht angenehm abgekühlt. Heute früh um 6 Stand ich auf. Vor 700 [Uhr] fahre ich jeden Dienstagmorgen zum Ludwig B. und hole 2 l Milch. Ausschließend trinke ich [K]affee, dann gehe ich auf den Markt. Heute verlohnte sich mein Weg nicht, W.s, wo ich stets kaufe, waren nicht da.
Bin ich wieder heim, nachdem ich mit den anderen Kunden über 1 Stunde gewartet hatte. Papa fährt mal runter zu W.s und kauft ein! Daheim angelangt erwarteten mich 3 Briefe! Wieder 3, gestern keiner. Du! Ich hab mich doch soo gefreut! Alles andre war jetzt nebensächlich, erst setzte ich mich aufs Sofa und [lie]ß mir erzählen, was mein [Roland] mir sagen will!
Du! Geliebtes Mannerli! Du opferst alle Deine Zeit! Das sollst Du doch nicht! Herzelein! Wenn Du mir nicht täglich schreibst, so weiß ich doch trotzdem, daß Du mich ganz sehr liebhast, Du! Es kann doch zwischen mir und Dir garnie [sic] anders werden!
Du! Sooo lieb bist wieder zu mir gekommen! Ach, ich möchte Dich doch gleich einmal fest ans Herz drücken vor lauter Liebe und Freude und Glücklichsein und Dankbarkeit! Herzelein! Ganz lieb küsse ich Dich zum Dank für all Deine treue Liebe! Du!!!
[N]un runden sich Deine Berichte, die dazwischen fehlenden Boten kommen an! Ich bin nun im Besitz Deiner Boten bis zum Montag, dem 29. Juni. Ein richtiges Tagebuch ist es, was ich nun wieder neben mir liegen habe! Ein gar liebes Tagebuch, worin ich sooo gern blättere – es ist doch meine liebste Lektüre, Du! Auch Schätzelein! Ich komme doch garnicht mehr nach mit Lesen, ehe ich einen Boten in mich aufgenommen hab so ganz, da begehrt schon wieder ein [zw]eiter und dritter Einlaß! Ach Mannerli! Liebster!
Du bestürmst mich mit Deiner Liebe so sehr, selbst wenn Du hunderte von Kilometern weit von mir entfernt bist! Bist ein ganz stürmisches Mannerli! Und wenn Du nicht so ein standhaftes Frauchen hättest, dann hättest Du es sicher schon über den Haufen gestürmt, Du!!!!! Du!!! Du!!!!!!!!!!!!!
Ob ich trotzdem glücklich bin? Oh Du! Überglücklich! Ich habe das allerliebste, allerbeste allertreueste, allerguteste – Ach — das herzallerliebsteste Mannerli auf der ganzen Welt zu eigen. Ja! Ja!! Ja!!! Und ich bin doch darum das allerglücklichste Weib auf Erden, die Glückseligste unter Gottes Sonne! Geliebter! Oh laß uns darum nur immer innig zusammenwachsen, nicht in sattem Glücke ruhen – nein! Immer auf Neue einander bedrängen mit heißer Liebe, mit unendlichem Gutsein! Die helle Flamme muß immer so hell scheinen! Nie darf sie verglimmen und sterben! Ach, dazu lebt unsere Liebe viel zu gewiß, viel zu groß schon in unserm Innern! Wir müssen immer so zueinander sein, so wie wir es jetzt schon sind. Heiße Liebe drängt uns dazu [!]
Oh Du! Wenn auch ringsher alles Schein ist und Trug; denn ich glaube nicht mehr an erste Liebe, uns kann es nie und nimmer irre machen an unserem Herzensglück in Treue festzuhalten. Wir kennen ihn, den kostbaren Besitz erster Liebe und um nichts in der Welt lassen wir ihn uns entreißen! Du! Ach Du! Tagtäglich und immer, wenn man mit Menschen zusammen war, kann ich mich nur ganz glücklich preisen, weil ich ein ganz großes Glück im Herzen tragen darf! Es wird mir in solchen Stunden immer ganz sehr bewußt, was unser Einsein bedeutet! Alles!
[Au]ch Du siehst und erlebst, wie es zugeht in der Welt. Es ist ein Jammer, wie arm sind solche Menschen neben uns. Aber sie verdienen ja nicht einmal unser Mitleid in ihrer Schlechtigkeit und Ehrlosigkeit.
Weißt Du, ich habe schon paarmal denken müssen, ob der K. nicht noch aus anderen Gründen versuchte, von Euch beiden wegzukommen. Er ist auch haltlos, nicht einmal erst ist er Einladungen gefolgt, die besondere Hintergründe hatten [Fr]auen und Wein … . Ihn lockt dieses Leben, sicher. Und weil ihn Eure solide Anwesenheit im Wege ist, weil er durch Euer Verhalten an sein Ehrgefühl erinnert wird, darum hat er sich Eurer Kameradschaft entledigt.
Glaube sicher, daß er jetzt lustig mit loszieht, wenn er allein ist. Ich denke an die Episode, da er seine Frau eifersüchtig machte. Wo zwischen einem Paar solch widerliches Gezänk herrscht, da kann keine tiefe Herzensgemeinschaft bestehen. Und ich traue dem Manne zu, daß er auch untreu sein kann. Na, er muß selbst wissen, wie er sein Lebensschiff steuert. —
Glaubst Herzlieb? Der Gedanke an Untreue, Verrat, er kommt mir überhaupt nicht. Ich bin so ausgefüllt von Dir, vom Glück unsrer Liebe, daß garnichts andres m[eh]r Raum hat in mir. Weil wir die Bande der Herzensverbundenheit so ganz eng umeinandergeschlungen haben, und weil wir täglich neue Bande knüpfen von Herz zu Herz!
Nur wer (sich) losläßt 2. einander1., der kann auf so häßliche Gedanken kommen. Du! Als ob wir beide noch eine Zerstreuung brauchten! So langt der Tag nicht aus für das, was wir einander zuliebe tun möchten! Du! Und wenn ein Tag 24 Stunden hätte, ich würde Dir d[an]n 2 Briefe schreiben. Und ich übertreibe garnicht damit! Es ist mir ums Herze so, wirklich, — ich könnte doch soo lange mit Dir plaudern.
Es hindern mich nur jetzt immer die täglichen Pflichten daran. Aber trotzdem bleibe ich Dir so ganz herzlich verbunden, mein [Roland]!
Ach Du! Wir sind halt ein paar ganz selten Verliebte, gelt? Und ich freue mich doch ganz sehr, daß es so ist!
Wie unglücklich wäre ich doch, wenn ich fühlte, daß ich Dich nur zu einem Teil erfüllte. Oh Du! Herzelein! Das wäre mir so furchtbar, man kann es nicht aussprechen wie füurchtbar. Dann wäre plötzlich die Sonne verschwunden und [es] wäre so, als sei ein Reif gefallen. Ach, ich mag nichts halbes! Und wenn ich Deine Liebe teilen müßte, dann würde ich das Leben nicht mehr ertragen, Geliebter! Ich will Dich ganz! Ich will Dich so ganz! Und ebenso ganz und ausschließlich gebe ich mich Dir, Geliebter Du !!!!!!!!!
Oh sag mir! Du! Weißt Du denn noch, wie ich Dich liebe? Geliebtes Herzelein! Wie Feuerbrand durchglüht es mich, wenn ich an unsre seligsten Stunden denke. Oh Du! Du !!!!! !!!!! !!!
[Ic]h müßte mir ja das Herz herausreißen, wenn ich das alles vergessen wollte, was mich in Liebe an Dich bindet! Nun bin ich Dein! Nur noch Dein für dieses Leben! Geliebter!
Du hast das Tor zur Seligkeit erbrochen, nun gehört er Dir, der Garten des Glücks! Nur allein Dir! Du !!!
Ach Geliebter! Ich bin so selig froh, so überglücklich, Du! Ich kann’s doch garnicht ausdrücken, Herzelein!
Und es stimmt mich ja so glücklich, weil ich weiß, meine Liebe, mein Besitz macht Dir das Leben hell und wert! Oh Du! Das ist doch Erfüllung, für ein Weib: dem Einen den Himmel auf Erden bereiten, ihm alles, alles zu sein!
Und so ist es zwischen Dir und mir! Eines erfüllt das andre so ganz. Und die Stürme des Schicksals mögen tosen, wir stehen fast zusammen allezeit. Ganz einig sind wir in diesem unbeugsamen Entschluß. Du! Ich spüre froh, wie Dir meine Liebe Kraft schenkt, in der harten Fremde auszuhalten, zumal in diesen Wochen, wo Dein empfindsames Herz sich diesem Leben nach Pfiff aussetzen muß. Herzelein! Es geht alles vorüber – unsere Liebe aber ble[ib]t! Und ich lasse Dich nicht! Nie —- nimmermehr! Oh, könnte ich Dir alles leicht machen, wenn ich hier zuhaus so lieb Dein denke, mein Herzensmannerli! Ich hab Dich sooo lieb! Soooooo lieb! Der Herr behüte Dich auf allen Wegen! Ich bleibe in unverbrüchlicher Liebe und Treue
Deine glückliche [Hilde].
[*= Der Punkt zum Satzende ist besonders groß gemalt, eher ein Kringel.]
Hilde Nordhoff
Hilde Nordhoff wurde 1920 als Hilde Laube in eine Arbeiterfamilie in Oberfrohna, eine Kleinstadt in Sachsen, hineingeboren. Sie arbeitete ein Jahr lang als Hausangestellte, dann in einem Trikotagenwerk.
Sie kannte Roland Nordhoff aus der Kantorei in Oberfrohna und trat sogar der evangelischen
Oberfrohna
Das Konvolut aus Oberfrohna befindet sich gut erhalten in privaten Händen in Deutschland. Es umfasst 24 Aktenordner mit ca. 2600 Briefen, die zwischen 1 und 20 Seiten lang sind. Der Briefwechsel beginnt im Mai 1938 und dauert, mit einigen kurzen (Urlaubs bedingten) Unterbrechungen, bis Februar 1946
Der Spuk um Mitternacht
Hilde ist auf die Lande gereist. Sie ging mit ihrer Freundin Ilse Sch. zum Frauendienst. Sie sind sehr spät nach Hause zurückgekommen. Die Eltern schliefen, und die Frauen waren ausgeschlossen. Hilde hat ihren Vater aufgeweckt und er hat die Frauen ins Hause gelassen. Am Morgen haben sie alle über “den Spuk um Mitternacht” gelacht.