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[NGM-421208-004-01]
Briefkorpus

Nr. 442

Hbg.-Neuengamme, d. 8.12.42

Mein lieber [Heinrich]!

Heute morgen kamen Dein letzter Brief aus Dänemark Nr. 406 v. 3.12. u. Dein erster Brief aus Ratzeburg Nr. 407 v. 6.12. Hast Du denn nun inzwischen ausgeschlafen? Ich war am Sonntagabend auch totmüde. H.i war um 7 Uhr gefahren, ich wollte früh ins Bett, da kam Herr I. aber abends noch rüber. Da wurde es doch wieder 10 Uhr, bis ich ins Bett kam. Als ich schon beinahe eingeschlafen war, hörte ich meinen Namen rufen, ich wachte auf u. horchte, aber da war nichts wieder zu hören. Da hatte ich wohl schon geträumt. So schnell sollte sich die schöne Nacht wohl nicht wiederholen. Aber ausgeschlafen habe ich eigentlich heute noch nicht. Ich bin so etwas gar nicht mehr gewohnt. Aber es war doch schön, u. Du könntest bald wiederkommen. Jeden Morgen glaube ich erst, daß mein Knie dünner geworden ist, aber wenn Papa u. Mama es nachher sehen, glauben sie es wieder nicht, nachher scheint es wieder eben so dick zu sein. Aber ich glaube doch, daß es sehr gut war, daß Du mal wieder bei mir geschlafen hast. Du hast wohl recht, daß das gesund macht. Nur es müßte öfter sein. Vielleicht bin ich ja auch nur deshalb krank geworden, wer weiß. Jedenfalls mußt Du unbedingt noch mal wiederkommen. Du kannst doch angeben, daß Deine Frau krank ist, das ist doch sicher ein Grund. – Am Montag morgen habe ich übrigens ein 4 Päckchen mit Äpfeln an Dich nach Ratzeburg / postlagernd abgeschickt. Das wird wohl inzwischen angekommen sein, Du mußt es abholen. Hoffentlich macht es Dir keine Schwierigkeiten, wo die Kasernen nun so weit draußen liegen. Aber Du hattest hier ja gar keine Äpfel mehr gegessen. Die Zeit war ja auch zu kurz u. es gab so viel zu besprechen. Wenn Du wiederkommst, dann mußt Du das nachholen. – Tante Herta u. Onkel Hermann waren Sonntagnachmittag noch hier. Tante Herta entdeckte natürlich gleich meine neuen Hausschuhe. Auch Puppes Schuhe u. das Portemonnaie (das erste) lagen noch auf der Maschine. Die Folge kannst Du Dir ja sicher schon denken. Bisher hatten wir absichtlich noch nichts von unseren Schuhen gesagt. Das weiß sie auch jetzt noch nicht. Aber Tante Herta wünscht natürlich gleich ein Portemonnaie u. ein Paar weiße Hochzeitsschuhe für Grete. Aber ich habe gleich gesagt, davon würde wohl nichts werden, Du hättest schon soviele Aufträge, u. hättest nur wenig Kronen zur Verfügung. Mutti sagte nachher auch, das kommt ja gar nicht in Frage, als Helmut damals zu Anfang in Frankreich war, was hat er da alles geschickt. Als Mutti da auch mal einen Wunsch geäußert hatte, hat Tante Herta gesagt, erst kämen die Oldendorfer mal, die schickten Helmut auch Pakete. Und wir haben auch niemals ein Stück bekommen. Und was hat er alles geschickt. Gleich zu Anfang war doch dort noch viel mehr zu haben, als zu der Zeit, als Du da warst. Deshalb sehe ich auch gar nicht ein, daß die Curslacker auch nur ein Stück bekommen. Zur Hochzeit kann Grete meine weißen Schuhe haben, wenn sie ihr auch ein klein wenig zu groß sein sollten. Tante Herta darf man gar nichts zeigen! Dagegen Herr I. tut mir wirklich leid. Er erzählte, daß er schon so häufig vergeblich hinter Bezugschein [sic] für Hausschuhe her gewesen wäre, aber ohne daß er eine Ahnung hatte, daß Du in Dänemark welche bekommen kannst. Vielleicht kannst Du ihm später ja mal eine große Freude machen: (Nr. 45) Er würde sich riesig freuen. Er fragte Mutti, ob sie nicht noch wüßte, wo man etwas blaue Wolle kaufen könnte. Der Ärmel von seinem Pullover könnte nicht mehr ganz beendet werden. Jene Wolle stammte noch von Werner aus Frankreich. Er war hier schon in sämtlichen Geschäften gewesen. Ob ich ihm von unserer blauen Wolle 50 g gebe? Aber es wäre ja ärgerlich, wenn ich dann später auch nicht auskäme. Heute ist es draußen verhältnismäßig warm, 11°. Puppe war heute mittag 1 Std. draußen, u. ist jetzt auch schon wieder rausgekommen. Sie hat ja auch viel nachzuholen. – Wie gefällt es denn Uffz. L.? Magst Du seine Frau? Walter D. kommt übrigens Weihnachten auf Urlaub. Ilse rief gestern an. Der Urlaub von 1941 soll jetzt nachgeholt werden. 3 Wochen. Ob Hans da [*] auch bald wieder Aussicht hat? Aber Du mußt auch unbedingt noch mal von Ratzeburg kommen. Die Zeit neulich war zu kurz. Und ich habe gar keinen Kuß gekriegt. Vorhin lese ich in der Zeitung, daß Ernst R. verlobt ist, z.Zt. auf Urlaub. Da müssen wir doch eigentlich was schenken, aber was? Weißt Du nichts? Die Tasche an Anna habe ich abgeschickt. Du möchtest den Schuhkarton, wo die Äpfel drin sind, wieder mitbringen, wenn Du kommst. Wir haben jetzt den zweiten Alarm, einmal schon von 7 – 8 Uhr, dann von ¾ 9 Uhr an. Wenn Du kommst, wollen wir uns dann wieder mit einem Bett „behelfen“, oder wollen wir ein zweites hinstellen? In Günters Zimmer schläfst Du jedenfalls nicht!!! Übrigens habe ich mich entschlossen, das erste Portemonnaie für mich zu behalten, Mutti bekommt dann das letzte. Nun sei ganz lieb geküßt u. herzlichst gegrüßt von Deiner [Hannelore]

[* = von hier an ist der Brieftext auf den Seitenrändern der insgesamt vier Briefseiten geschrieben, beginnend auf der letzten Seite, dann von der ersten bis zur dritten Seite, immer links von oben nach unten, nur auf der dritten Seite ist die Passage von „Wenn“ bis „nicht!!!“ unter den Brieftext eingefügt.]

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Autor Hannelore Wilmers
Korrespondenz Neuengamme
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Über den Autor

Hannelore Wilmers

Abbildung von einem Haushaltspaß von Hannelore Wilmers, grüner Karton mit Schreibmaschinenschrift. andes- und Hauptwirtschaftsamt Hamburg.
Ba-NGM K02.Pf1_.A14, Haushaltspaß von Hannelore Wilmers, 1944, Hamburg, herausgegeben vom Landes- und Hauptwirtschaftsamt Hamburg.

 

 

Hannelore Wilmers, geb. Baumann, wurde 1917 geboren, sie lebte bis 1999. Sie war Tochter eines Lehrers und seiner Frau in Neuengamme. Ihr jüngerer Bruder war bei der SS. Hannelore Wilmers besuchte das Luisen-Gymnasium in Hamburg-Bergedorf. Dann arbeitete sie in einer Motorenfabrik als

Über die Korrespondenz

Neuengamme

Abbildung mehrerer Bündel Briefe aus dem Konvolut Neuengamme, von Kordeln zusammengehalten, in einem Schuhkarton durcheinander gewürfelt.

Die Briefe von Hannelore und Heinrich Wilmers befinden sich im Archiv des Kultur- und Geschichtskontors in Hamburg-Bergedorf. Über 1600 Briefe und Karten wurden von den Autoren nummeriert, sortiert und sorgfältig zu je 100 Stück gebündelt aufbewahrt. Die von Hannelore Wilmers verwahrte Feldpost