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[OBF-411120-002-01]
Briefkorpus

Donnerstag, am 20. November 1941.

Herzensschätzelein! Geliebter! Mein lieber, liebster [Roland]!

Du wirst vielleicht staunen, wenn ich Dir sage, daß wir schon fertig sind mit waschen! Ja, wahrhaftig!! Und wir sind glücklich darum! Es ist gerade um 4 nachmittags. Die Mutter ist auf dem Oberboden und hängt die Wäsche auf. Sie hat mich nicht mitgenommen, ich soll mich nur zu meinem Hubo setzen, damit ich heute Abend zeitig ins Bett käme. Ist sie nicht gut? Um 8 heute früh sind wir runter ins Waschhaus, ¾ 1 waren wir fix und fertig mit waschen! Dann machten wir noch einen Kessel frisches Wasser heiß und spülten sie fein durch, drehten sie durch die Wringmaschine und Vater trug sie auf den Boden. Während Mutsch unten im Waschhaus aufräumte, bin ich herauf, um etwas zu kochen für uns. Das war um ¾ 3 Uhr. Feinen Milchbrei (vom L. Bauer die Milch) und Apfelscheiben in Butter gebraten dazu. Das hat aber geschmeckt. Danach habe ich mich umgezogen, gewaschen und nun sitze bei Dir, Herzelein! Ist doch herrlich, wenn das Waschfest nicht länger dauert, ja? Ach, so muß es auch mal bei uns werden später! Du sollst nicht den ganzen Waschtag lang alleine sitzen! Herzelein!! Es liegt doch ganz an einem selber, wieviel man zusammenkommen läßt. Man spart viel mehr Kräfte so. Aber! Man muß mehr Feuerung und Seife haben, je öfter man wäscht. In Friedenszeiten guckt man ja darnach nicht so genau – aber jetzt umso mehr. Vater hat vom Geschäft altes Kistenholz anfahren lassen, das durfte er sich nehmen. Was meinst Du denn, wie das loderte im Ofen! Und weil Du uns Kernseife mitgebracht hast, Du Guter!, da können wir nun zu jeder Wäsche ein Stückchen vertun. Das ist schon eine feine Sache, viel müheloser, als wenn man nur auf das Kriegsseifenpulver angewiesen ist! Ach ja!! Wenn wir auch nicht lange zubrachten mit der Wäsche, wir haben es doch recht satt. Aber nun können wir ja ausruhen. Mir ist es ganz wohl zumute sonst, nur die Glieder schmerzen. Die Mutsch wird es auch zur Genüge satt haben; sie darf aber morgen nicht viel arbeiten. Und ich mache keine großen Geschichten in dieser Woche beim Reinemachen.

Heute früh, als um 9 der Herr E., unser Briefträger kam und uns waschen sah, bot er sich gleich an zum Waschmaschine drehen! Er brachte mir einen Brief von Dir, Herzelein! Und ich gab ihm einen mit, den ich gestern Abend schrieb. Weißt Du, was er noch sagte? „Na, sie haben ja wieder mal den Vogel abgeschossen mit ihrem Weihnachtspäckchen vorgestern, es war das allergrößte, wir brachten es kaum unter!“ Und er fragte mich, wer mir das nur abgenommen hätte am Schalter! Das war der Herr S., der hält viel auf mich und der guckt beim Wiegen mehr auf mich, als auf die Waage! Du!! Der ist aber verheiratet und schon alt!! Immerhin, der macht für mich alles möglich, glaubst? Ich bin doch schon mit Herzklopfen zur Post gegangen mit meinem umfangreichen Karton, ich war heilfroh, als ich Herrn S., anstelle Herrn H.'s (mit dem ich schon manches Tänzchen hatte) am Schalter sah! Ich brauchte doch auch so einen großen Karton, wegen dem Umfang des Kranzes! Herzelein! Hoffentlich kommt er gut an, und überhaupt an! Das tät mir soo leid. Den Ständer hebe bitte auf und bring ihn mit, oder schicke ihn zurück, ja? Den benutzen wir später noch in unserem eigenen Heim! Ich habe nach wochenlangem Suchen noch einen bekommen. Die Lichter habe ich in einem kleinen Päckel für sich geschickt, das wäre sonst zu schwer geworden. Darinnen ist eine Bildersendung noch und ein Filmstreifen, von Eurem letzten Ausfluge. Ach Dickerle! Was hast  denn da nur angestellt? Alles schwarz! Ganz daneben geschossen! Wen oder was hast denn da geknipst? Doch nicht etwa 8 mal die schwarze Madonna? Ich habe geguckt und geguckt! Konnte es kaum fassen! Das ist Dir aber auch noch nicht passiert, gelt? Oder müßte der ganze Film schadhaft gewesen sein, gibt es das? Du!! Die anderen Bilder, die schicke ich Dir im nächsten Päckchen mit, die sind zu schön! Ich schau[’] sie mir immer wieder an.

Da fällt mir eben ein, daß ich doch heute abend einmal zur [Si]ngstunde gehen muß; denn am Sonnabend hat die Hanni W. Hochzeit. Heute soll Geld für ein Geschenk gesammelt werden, ich weiß auch noch garnicht, welche Zeit sie getraut wird und was gesungen wird. Ich war so lange nicht in der Singstunde. Singen kann ich zwar noch nicht, doch auf eine Stunde gehe ich mal heute. Und in die Kirche will ich auch gehen am Sonnabend zur Trauung. Denke nur! An dem Sonntag, als ich mit Deiner Mutter in der Kirche war, da ist Hanni W.'s Bräutigam vor dem Gottesdienst erst konfirmiert worden! Ich bin ganz verwundert, daß sie sich so einen Lebens[g]efährten erwählte, wo sie alle so kirchlich und gläubig sind. Diese H.s sind Bibelforscher. Na, das müssen sie schließlich am besten selbst wissen. In S. haben sie ein Friseurgeschäft, da muß nun die Hanni fleißig mit Locken drehen. Sie ist aber noch nicht perfekt. Sie fragte mich schon, ob ich sie denn auch mal beehren würde, und auf meine Antwort, daß ich mein Haar wachsen lasse, war sie ganz und garnicht gefaßt! Ob das mein Ernst wäre! Selbstverständlich! Gelt, Mannerli? Ach, wenn es die Gelegenheit mal gäbe, mir würde es schon Spaß machen, einmal zu dem jungen Paar frisieren zu gehn! Denn ich bin wahrlich neugierig, wie sich die Hanni anstellt.

Mein [Roland]! In Deinem lieben Freitagsbrief, den Du mir heute schicktest, erzählst mir, daß auch bei Euch im sonnigen Süden nun das nasse, stürmische Novemberwetter zum ersten Male richtig ausgetobt hat. Ich muß richtig lachen, wie Du mir Eure Landsleute beschreibst, wie sie nun der veränderten Wetterlage Rechnung trugen. Da tut sich so allerlei, was Ihr Sachsen auch noch nicht gesehen habt, ja? Ach! Es wird wohl Hunderte geben unter der griechischen Bevölkerung, die sich nicht der Witterung gemäß kleiden können. Es ist alles so sündhaft teuer! Zumal das Schuhzeug! Stiefel sind ja für diese Leute garnicht zu erschwingen! Und die ärmeren Schichten haben die Sachen nicht so reichlich daheim liegen, daß sie auf Jahre hinaus versorgt wären. Der Krieg bringt auch dort namenloses Leid. Wenn man bei uns so durch die Großstadt geht, kann man auch schon viel Armut sehen, verhärmte, magere Gesichter. Und unzählige, die Trauerkleidung tragen – das fällt besonders auf. Ach ja, es möchte bald zu Ende gehen mit diesem Krieg, in jeder Hinsicht wünscht man sich's sehnlichst! Ihr seid nun mal westwärts gepilgert und habt da Umschau gehalten. So wirtlich fandest Du die Umgebung nicht, wie Du sie sonst kennen lerntest. Zum Teil hat vielleicht der Berichter in der Zeitung, die Du mir mit sandest recht, mit seinen Ausführungen, daß es prozentual ausgedrückt eine große Menge Volk gibt, das ein Leben führt, welches eher Not und Elend, als die Freuden dieses Lebens kennt. Bei uns in Deutschland ist es eben durch die sozialen Einrichtungen so weit noch nicht gekommen – obwohl es auch genug Volksgenossen (wie man so sagt) gibt, die Not leiden. Aber so kraß ist sie wohl nicht, wie da bei Euch. Gegensätze zwischen Arm und Reich bleiben wohl immer, mögen die Zeiten kommen, wie sie wollen. Herzelein! Der Vater geht, es ist ¾ 6, er nimmt den Boten mit da geht er um die Abendpostzeit mit nach Chemnitz. Morgen hörst Du wieder von mir. Du! Geliebtes Herzelein! Ich denke ganz lieb an Dich!!! Ich liebe Dich herzinnig! Gott sei mit Dir! Ich bleibe in Liebe und Treue

Deine [Hilde]

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Ba-OBF K02.Pf1_.411120-002-01a.jpg. Ausschnitt aus dem Brief.

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Autor Hilde Nordhoff
Korrespondenz Oberfrohna
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Über den Autor

Hilde Nordhoff

Hilde Nordhoff wurde 1920 als Hilde Laube in eine Arbeiterfamilie in Oberfrohna, einem Dorf in Sachsen, hineingeboren. Sie arbeitete ein Jahr lang als Hausangestellte, dann in einem Trikotagenwerk.

Sie kannte Roland Nordhoff aus der Kantorei in Oberfrohna und trat sogar der evangelischen

Über die Korrespondenz

Oberfrohna

"Ba-OBFK01Ff3A4. Ausschnitt aus Fotoalbum. Oberfrohna, 13.7.1940. Hochzeitsbild von Hilde und Roland Nordhoff. Nahaufnahme in Hochzeitskleidung."

Das Konvolut aus Oberfrohna befindet sich gut erhalten in privaten Händen in Deutschland. Es umfasst 24 Aktenordner mit ca. 2600 Briefen, die zwischen 1 und 20 Seiten lang sind. Der Briefwechsel beginnt im Mai 1938 und dauert, mit einigen kurzen (Urlaubs bedingten) Unterbrechungen, bis Februar 1946