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[OBF-430213-001-01]
Briefkorpus

Sonnabend, den 13. Februar 1943

Geliebtes, teures Herze mein! Meine liebe, liebste [Hilde]!

Es ist noch zu zeitig zum Abendbrot – will gleich erst noch ein Stündchen fleißig sein und mit meinem Schätzelein plaudern. Will ja heut abend ausgehen in den Vortrag – über Schiller. Ja, schöner ist, man läßt den Dichter erst einmal selber zu sich sprechen – ich möchte das ja auch – sooo gerne mit Dir! – in seinen Gedichten wieder einmal lesen, in seinen Dramen – aber mit Dir, Herzelein! Wünsch Dir aber dennoch recht viel Freude.

Das Mannerli ist eben aus der Stadt heim. Und wenn Du nun mit mir spaziert wärest wirklich, würde mein liebs [sic] Fraule wohl ein klein wenig Müdigkeit verspüren. Das Mannerli würd ihm gleich das Pelzelein ausziehen, und die Stiefelein – und würde sein Schätzelein in den Faulenzer setzen und den Kaffeetisch richten, das mußt Dir gefallen lassen vom Mannerli, sonst drück ich Dich ganz sehr und geb Dir ein liebs [sic] Kussel. Ja, fein warm empfängt mich das Stübchen, hab doch gut einge – heizt, bevor ich ging. Gegen ½ 4 Uhr bin ich losgebummelt. Es ist heute ein grauer Tag geworden, die Temperatur ist wenig über Null, und man kann am Himmel nicht erkennen, wohinaus es will, ob zum Regnen oder zum Sonnenschein. Deshalb zog es mich heute auch mehr stadtwärts, als landwärts. Bin heute mal nicht die großen Straßen, die Boulevards, gegangen, sondern "hintenweg", Du weißt schon. Da sind die Straßen enger. Und der Schnee liegt noch in alten grauschmutzigen Haufen darin. Vorwiegend einstöckige Häuser liegen da, solide Bürgerhäuser zumeist, viele mit allerlei altmodischem Zierat, Häuser aus der Zeit der Jahrhundertwende, die es auch bei uns gibt.

Dazwischen steht wieder einmal ganz unvermittelt ein Hochhaus, das hinten und vorne keinen Halt hat in seiner Umgebung und mit der meist häßlichen Hinterfront sich gar nicht schämt. Kleine Plätze tuen sich auf, umstanden von den niederen Häusern, große Lachen und schmutzige Schneehaufen – man fühlt sich in ein verlassenes Landstädtchen versetzt. Dann erscheint wieder einmal eine Flucht, oder eine Ecke städtisch gestrafft durch hohe Häuser, durch eine moderne Tankstelle. Und so gegensätzlich trifft man auch die Menschen. Ärmlich gekleidet, blaß, in ein Schaltuch gemummelt die Frauen – in abgetragenen Mänteln, die Pelzmütze auf dem Kopf die Männer — und daneben die städtische Eleganz, wie sie in allen Großstädten daheim ist.

“Hallo Kamerad – ich fahr langsam, aber sicher” – so rief er mich an, und unter der schmutziggrauen Pelzmütze lacht es mir aus einem roten, wilden, aber gutmütigen Gesicht an: ein Droschkenkutscher. Na, Droschke ist ein Ehrenname für das schmutzige Vehikel und den klapperdürren Gaul davor mit ein paar Scheuerflecken im Fell.

Und dann stehen auf einem Parkplatz die teuersten 8-Zylinder.

Seit Januar soll auch hier das Fahren beschränkt sein, aber man spürt davon wenig. Die Auslagen in den Geschäften? Nun, überall wird noch viel Obst angeboten, Äpfel zumal, aber auch Birnen und Weintrauben. An den wichtigsten Straßenkreuzungen stehen auch Händler, bäuerlich gekleidet zumeist in eine enganliegende weißwollene Hose, von der die weite Jacke glockenartig absteht. Diese Händler haben ein Tragscheit (wie die Holländer zum Wasserholen), und daran befestigt, wie große Waagschalen, zwei große flache Schwingen.

Bei solchem Händler erstand das Mannerli ein Pfund Bosköppe um 50 Lei, nicht 1. Auswahl, denn die ist bedeutend teurer.

Über meinem Bummeln hatt' ich ein klein wenig die Richtung verloren – aber über ein paar Umwege habe ich den rechten Weg schon wieder gefunden.

Mein liebs [sic] Fraule kennt das, gelt?

Aber das Mannerli findet sich immer wieder – Du!!! Und sein liebs [sic] Weiberl verliert es überhaupt nicht – und um es zu finden, braucht das Mannerli auch keine Umwege zu gehen – ich find es — auch wenn es ganz dunkel ist – dann leuchtet uns doch die Liebe – und dann weist den Weg doch die Sehnsucht. – Geliebte! Ach Herzelein!

Herzelein! Wie gerne, wie so gerne wäre ich nun mit Dir heimgekehrt in eines der Häuser, eingekehrt bei Dir!

Wie lange werd ich denn noch so rumbummeln müssen!

Ach, daß Gott doch ein Ende werden ließe diesem Kriege!

Oh Schätzelein! Und da ist Dein [Roland] noch so glücklich dran, daß seine Umgebung ihn an solchen Wunsch überhaupt erinnert – was sollen die sagen, die um sich die Öde Rußlands und vor sich jeden Augenblick den Tod sehen? – Ach, darum nicht geklagt. Ganz still und dankbar drum – und neue Kraft gefaßt – Geliebte! Du! Meine [Hilde]!

Herzensschätzelein! Soweit schrieb ich gestern am Abend. Jetzt aber erst mal ein ganz liebes liebes Morgenkussel – Du! Du!!! Du!!!!!

Wie find ich denn mein Herzensweiberl zu so früher Morgenstunde?

Etwa noch als Hosenmatz?

Oh, dann lauf schnell davon – Du! Du!!! – sonst kommt ein ganz bös liebs wilds [sic] Mannerli zu Dir – oh Herzelein! Schätzelein, Geliebte mein – ich hab doch so große Sehnsucht nach Dir!

Schätzelein, die Zeit, die unsre Mode schöpfte, die dem Weiberl ein Kleidlein und dem Mannerli eine Hose anmaß, die wußte doch noch um Liebheimliches.

Weißt, was sie tut? Sie stellt uns das Weiberl hin als wärs [sic] aus einem Stück, und das Mannerli, als ließe sichs [sic] brav in zwei Hälften teilen – gelt? Ach Du!! Du!!! Du!!!!! Von meinem Herzensweiberl weiß ich’s, daß es gar nicht aus einem Stück ist – Du! Du!!! Nur von meinem Herzensweiberl – und von niemandem sonst mag ich es wissen!!!

Und wenn alle Weiberl sich einig wären in dem Wunsche, ein ganz liebes, treues Mannerli zu besitzen, dann ließen sie es auch keinen Menschen sonst wissen.

Oh Du!

Geliebte mein! Was ist das für ein wundersam brennend heiß Verlangen hin nach einem Menschenkind, nach der Geliebten, nach der Einen, nach der Einzigen, nach Dir! Nach Dir!!! Oh Du! Du!!! Du!!!!! !!!!! !!!

Herzelein, in solchen Stunden des Sehnens – und in den Stunden, da dieses Sehnens Spannung einmal ermüdet nachläßt – da sind wir doch besonders wach – und wir wissen: die Liebe ist mehr als dieses Sehnen, sie ist die beständige, ewige Sonne – und wenn wir für immer umeinander sein dürfen, dann ist keine quälende Sehnsucht mehr, dann ist die Erfüllung ganz nahe immer – oh Du, so nahe, daß wir dann selber sie ferne rücken werden — ja, Du!!! Aber nicht verreisen, Schätzelein – Du! Du!!! Ich laß Dich nicht allein fort reisen dann ohne Not.

Ach Du! Du!!! Unsre Liebe läßt uns dann alle guten Wege finden, das weiß ich.

Herzlieb mein! Jetzt geht das Mannerli nun erst mal zur Kirche – und dann kommt es noch einmal zu Dir! Und erzählt Dir auch von gestern abend. Heinrich blieb zu Hause — und das Mannerli hat das Johannes-Evangelium gesehen.

Nun leb wohl jetzt! Ich küsse Dich – vieltausendlieb! Ich nehm Dich doch mit – immer und überallhin! Du! Du!!! Du!!!!! Mein Ein und Alles Du! Meine [Hilde]!

Herzallerliebste mein! Daheim bin ich wieder! Hat doch heute wieder der tüchtiger Pfarrer gepredigt, H. heißt er, ich habe heute gefragt. Ach Du! Bei diesem Manne wird es einem sonnenklar, daß der Bezirk des Glaubens in unserem Herzen ein besonderer, heiliger Bezirk ist, der sein Recht verlangt trotz Aufklärung und Technik und Maschine und Menscheneitelkeit ringsum. Die Wunderzelle starken, frohen Lebens ist dieser Bezirk, der Brunnen, aus dem unserem Leben die beste Kraft zuströmt.

Und dieser Prediger gibt davon schönstes Zeugnis. Wie leuchtet es aus ihm seherisch! "Wunderbar ist unser Menschenleben isn diesem Glauben! Und herrlich ist es, ein Christ zu sein“. Und ihm glaube ich es.

Herzelein, ich las gestern abend das Johannesevangelium. Es nimmt eine besondere Stellung ein unter den Evangelisten, insofern, als der Evangelist sich geistig mit der Botschaft Christi auseinandersetzt und sie vergeistigt und fast philosophisch verbrämt. Viele bekannte liebe Geschichten fehlen darin. Dafür wird aber deutlicher das Ringen Christi um die Herzen der Menschen, um die Anerkennung unter den Menschen, die Anerkennung seines Gottessohnschaft. Und das Kernstück das Evangeliums: "Gott ist die Liebe! Also hat Gott die Welt geliebt – – –. Daran soll jedermann erkennen, daß Ihr meine Jünger seid, daß Ihr Liebe untereinander habt."

Woher sollte ein Mensch diese Botschaft nehmen? Von dieser Erde? Die mehr von Haß erfüllt ist als von Liebe.

Woher sollte ein Mensch die Berufung nehmen, solche Botschaft zu bringen? – und im Dienste dieser Berufung sein Leben zu verzehren und zu opfern?

Dieser Dienst, der nicht Ehre, Ruhm, Glück und irdischen Gewinn bringt.

Die Bestimmtheit, die heilige Gewißheit – ganz selbstbewußt vorgetragen, möchten wir menschlich sagen – mit der Christus von seiner Gottessohnschaft kündete - ist ganz einmalig und übermenschlich gepaart mit einem Herzen voll Göüte und Demut. Gott ist die Liebe – das ist eine tiefste, übermenschliche Einsicht, die nie überboten werden, an der die Welt nicht mehr vorbeisehen kann.

Herzelein! Heute wirst Du wieder zu mir kommen – und darauf freue ich mich schon ganz sehr – darauf ist mein ganzer Tag ausgerichtet.

Gleich will ich mich zu einem Mittagstündchen niederlegen, dann ein Stündchen Luft schnappen, hell ist es heute, aber unten ists [sic] furchtbar schmutzig, es hat ein wenig geschneit heute.

Ein paar Schreibschulden möchte ich heute auch tilgen.

Aber mein Schätzelein wird immer bei mir sein – ja? – auch jetzt beim Mittagstündchen? – Du!!! Junge Leute brauchen doch gar kein Mittagstündchen – Du!!!

Herzelein! Du! Ich bin Dir so sooo gut!

Ach Du! Wieviel Tage sind noch hin bis zu unserem Wiedersehen? Du! Vielleicht 8 Sonntage noch – dann bin ich bei Dir – bei Dir!!! oh Du! Geliebte mein! Das ist noch lange – und ist auch nicht mehr lange.

Segne Gott unser Wollen!

Er behüte Dich auf allen Wegen!

Ich bleibe in ewiger Liebe und Treue Dein [Roland],

Dein glückliches Mannerli.

Und viel liebe Küßchen – und bald komme ich wieder zu Dir, geliebtes Herze! Mein Alles, Du! Meine liebe, liebste [Hilde]! Schätzelein! Schicke mir doch bitte im Briefe etwa 10 Stück 20 ₰ - Marken mit.

Von dem Speck, den ich vorgestern abschickte, sollst 400 g etwa nach Kamenz senden, ja? Bald kommt wieder welcher – damit mein Weiberl schön stark bleibt – gelt? Du!!!!

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Autor Roland Nordhoff
Korrespondenz Oberfrohna
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Über den Autor

Roland Nordhoff

Roland Nordhoff wurde 1907 in eine bürgerliche Familie in einem ländlichen Dorf im östlichen Sachsen, Kamenz, hineingeboren. Nachdem er ein Musikstudium aufgegeben hatte, arbeitete er als Dorflehrer in Oberfrohna, nahe Chemnitz. Im Frühjahr 1938 wurde er nach Lichtenhain in Sachsen versetzt

Über die Korrespondenz

Oberfrohna

Fotografie des Brautpaars Nordhoff am Tag ihrer Hochzeit vor dem Portal der Kirche.

Das Konvolut aus Oberfrohna befindet sich gut erhalten in privaten Händen in Deutschland. Es umfasst 24 Aktenordner mit ca. 2600 Briefen, die zwischen 1 und 20 Seiten lang sind. Der Briefwechsel beginnt im Mai 1938 und dauert, mit einigen kurzen (Urlaubs bedingten) Unterbrechungen, bis Februar 1946