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[OBF-390110-002-01]
Briefkorpus

Oberfrohna, am 10. Januar 1939.

Mein lieber [Roland]!

Ich danke Ihnen recht herzlich für den lieben, großen Brief. Er kam ja so schnell, schon am Sonnabend, darum war die Freude um so größer. Und ich hätte Ihnen gar so gern gleich geantwortet; doch immer kommt es anders, als man sich's vornimmt.

Am Sonnabend, dem letzten unfreiwilligen Urlaubstage, war ich mit Mutter in Chemnitz beim Arzt.

Da muß ich ein Stück zurückgreifen.

Vor 2 Jahren, um diese Zeit war Mutter operiert. Dieses Jahr mußte sie sich zur Nachuntersuchung einfinden. Seine Aussagen über ihr Befinden waren sehr zufriedenstellend. Ganz wider sein Erwarten ist alles gut verheilt und in bester Ordnung. Die Schmerzen im Leib, die bei Witterungsumschlag sich einstellen, würde sie allerdings noch eine Weile beibehalten. Das ginge jedem Operierten so und würde sich erst nach Jahren beheben.

Ich saß ungeduldig im Wartezimmer. Gespannt auf Mutters Miene beim Eintreten. Und ich konnte froh und erlöst aufatmen, als sie dann erzählte. Wäre der Bescheid des Arztes ungünstig, besorgniserregend ausgefallen, Mutter hätte uns das sicher verschwiegen. Deshalb hab ich sie nicht allein fahren lassen. Ich hätte ihr das sofort angesehen.

Wir holten dann noch meinen versäumten Besuch (vom 2. Weihnachtsfeiertag) bei der Tante nach, und mit dem 8 Uhr Zuge fuhren wir zurück.

Sonntag ging ich mit den Eltern zur kranken Großmutter. Kaum waren wir zurück, besuchte mich Luise. Sie blieb bis zum Abend.

Nun stehe ich ja wieder mitten im Dienst — die paar Abendstunden fliegen dahin. Und außerdem benötigen ja jetzt meine Briefe wieder 2 Tage Zeit, ehe sie zu Ihnen nach Lichtenhain gelangen. So ungeduldig, wie vorige Woche werden Sie jetzt nicht warten auf ein Zeichen von mir. Erstens haben Sie wieder Ihre Pflichten, viel Arbeit. Ich denke tagsüber so oft ganz fest an Sie, daß ich meine, Sie müssen das fühlen.

Ganz so lang wie im Urlaub werden meine künftigen Briefe wohl nicht mehr werden! Ich weiß, daß Sie das gar nicht verlangen und mir auch nicht anrechnen werden.

Immerzu gefaulenzt habe ich nicht in dieser Zeit!

Die Feiertage und die darauf folgenden verbrachte ich zwar auf dem Sofa. Silvester früh war mir das Liegen endgültig zuwider. Ich zog mich warm an und ging zum Arzt (Dr. W.) mit der leisen Hoffnung, daß er mich vielleicht gesund schrei[b]en würde. Keine Spur!

Am Nachmittag kam Ihr lieber Brief, der letzte im alten Jahre. Er hat mir viel Freude gebracht und er gab mir neue Kraft. Ich danke Ihnen noch einmal, mein Lieber [Roland]!

Am Abend nach der Kirche erschien Luise. Mir war ja nicht gerade zu Mute, nach einer Silvesterfeier; doch ich mochte ihr den Spaß nicht verderben. Es wurden ein paar gemütliche Stunden. Um 12, als unsre Punschgläser zusammenklangen, habe ich an Sie gedacht. Wir gossen auch Blei, (die Gebilde muß ich Ihnen zeigen,) hörten auf das Glockengeläut — und die Schießerei auf der Straße. Kurz nach 1 Uhr lag ich todmüde im Bett.

Der Neujahrsmorgen war so strahlend schön. Ich ging mit den Eltern eine Stunde spazieren, nach dem Stadtpark.

Ich habe sogar Aufnahmen gemacht. (Die bringe ich mit.) Ich wollte mich nicht unterkriegen lassen. Am Nachmittag gefiel ich Mutter gar nicht. Und sie kam auf die herrliche Idee, mich schwitzen zu lassen. Was blieb der folgsamen Tochter übrig?

Bald war alles fertig, und der große Topf Fliedertee geschluckt. 2½ Stunden mußte ich drinstecken, in diesem fürchterlichen Bau von Decken und Kissen und Deckbetten, ehe mir die Perlen übers Gesicht rannen. Mutter mußte mir aus Ihrem Buche vorlesen — es war mir zum Verzweifeln. Ich war paarmal nahe daran, auszubrechen. Ja, so begann ich das neue Jahr. Ich gestehe aber ein: Seitdem wurde mir besser. — Zu der 2. Woche hab ich mich im Haushalte nützlich gemacht. 8 Uhr aufstehen! Wach war ich aber schon immer um 6. [D]a ich Ausgang hatte, konnte ich alle Wege besorgen. Natürlich spielte ich eine Woche lang die Köchin. Mutter war recht froh. Ich gab mir viel Mühe und die Eltern lobten mich sogar. (Vorsicht!!) Sie wollten mittags überhaupt nicht mehr gehen, so gefiel es ihnen bei mir. Für immer könnten sie mich allerdings nicht engagieren, ich würde das Wirtschaftsgeld zu sehr in Anspruch nehmen.

Nachmittags ging ich spazieren, oder las in Ihren Briefen und im Lönsbuch. Manchmal stickte ich, oder legte mich ein wenig hin — Wenn einem dann nichts Ernstliches mehr anhängt, vergeht die Zeit recht schnell. Nun will ich aber das Ohr nicht wieder vergessen! Es sitzt noch an der richtigen Stelle, nur die Haut schälte sich ein wenig ab. Am Donnerstag muß ich nochmal zum Arzt, er behält mich noch in Behandlung. Schnupfen und Husten hab ich noch ein wenig, sonst gehts mir gut. Haben Sie keine Sorge, ich halte mich. Und bitte, machen Sie sich keine Vorwürfe, lieber [Roland], es kam nicht nur von unserm Ausgange!

Ihr Plan für den 14. und 15. Januar gefällt mir, es wäre gewiß schön geworden. Und Sie werden nicht traurig sein, daß ich anders entschied? Bitte, nein!

Es ist noch sehr lange hin bis zum 22. Ich freue mich auf unser Wiedersehn.

Ich war heute in der Bibliothek und ließ mir etwas von Fontane geben. „Der Stechlin“, war als einziges da und ich bin neugierig wie mirs gefällt. Für Ihren guten Ratschlag danke ich Ihnen, ich werden ihn beachten; es gibt etliches Unverständliches. Von Raabe hörte ich schon, da sind Sie ja für eine Weile mit Büchern versorgt. Ich würde mich freuen, wenn ich einmal das Buch, das Sie Ihrer Schwägerin schenkten, lesen dürfte. Im Lönsbuche lese ich sehr gerne und immer wieder. — Es ist nun fast ½ 12 [Uhr] geworden, ich will einen Punkt setzen. Ich danke Ihnen noch einmal recht herzlich für Ihren lieben Brief, mein lieber [Roland]. Sie haben mich froh gemacht, so froh! Haben Sie einen guten Anfang gehabt?

Die Eltern lassen grüßen. Bleiben Sie gesund! Gott behüte Sie mir! Ich drücke Ihre liebe Hand ganz fest voll Hoffnung und Vertrauen, mein lieber [Roland], und grüße Sie recht herzlich

Ihre [Hilde].

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Autor Hilde Nordhoff
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Über den Autor

Hilde Nordhoff

Hilde Nordhoff wurde 1920 als Hilde Laube in eine Arbeiterfamilie in Oberfrohna, einem Dorf in Sachsen, hineingeboren. Sie arbeitete ein Jahr lang als Hausangestellte, dann in einem Trikotagenwerk.

Sie kannte Roland Nordhoff aus der Kantorei in Oberfrohna und trat sogar der evangelischen

Über die Korrespondenz

Oberfrohna

Fotografie des Brautpaars Nordhoff am Tag ihrer Hochzeit vor dem Portal der Kirche.

Das Konvolut aus Oberfrohna befindet sich gut erhalten in privaten Händen in Deutschland. Es umfasst 24 Aktenordner mit ca. 2600 Briefen, die zwischen 1 und 20 Seiten lang sind. Der Briefwechsel beginnt im Mai 1938 und dauert, mit einigen kurzen (Urlaubs bedingten) Unterbrechungen, bis Februar 1946